Der Drang sich selbst zu spüren - Selbstverletzendes Verhalten bei jungen Frauen
1. Zum Begriff des selbstverletzenden Verhaltens
Es gibt viele psychologische Themen, mit denen sich eine breitere Öffentlichkeit heute auseinandersetzt.
Über Jahrhunderte hinweg wurden die Gedanken an das Bestehen von seelischen Krankheiten verdrängt.
Doch im Laufe der Zeit lernte man dazu und so sind Aspekte wie Bulimie und Magersucht immer mehr in den Bereich der Toleranz und Akzeptanz gerückt.
Ärzte können heute in der Regel nur aus einem zeitgeschichtlich kurzen Erfahrungsschatz reden, wissen auch nur zum Teil über Ursachen,
Symptome sowie die Heilungsansätze bescheid.
Jedoch wird die Reihe der psychosomatischen Krankheiten, die vor allem junge Frauen betreffen, seit ein paar Jahren verstärkt von einer weiteren
ergänzt. Die Form der Selbstverletzung wird von der Gesellschaft als Tabuthema behandelt, obwohl bzw. wodurch es von Jahr zu Jahr zu einer
verstärkten Zahl an Betroffenen kommt. Den größten Anteil bildet das weibliche Geschlecht.
Aufgrund der ansteigenden Bekanntheit der Symptome bekennen sich inzwischen auch immer mehr Männer zu dieser Krankheit.
Oftmals vermutet man nicht, dass schon in den nächsten Umkreisen einer Person Menschen mit solchen psychischen Belastungsstörungen vertreten sind.
So beginnt dieses Verhalten schon bei trivialen Handlungen, wie Fingernägel abkauen. Durch solche kleinen Auffälligkeiten oder auch größere
Erkennungsmerkmale, wie zum Beispiel das Einritzen der Haut, kommt es schnell zur gesellschaftlichen Ausgrenzung. Dies ist beispielsweise als
Ausmusterungsgrund in Anbetracht der geringen psychischen Belastbarkeit und psychischen Labilität - gerade infolge des Fingernägel Abkauens -
während der Wehrtauglichkeitsprüfung immer häufiger zu beobachten. So wird auch in vielen weiteren Bereichen des Lebens bewusst und unbewusst auf
solche Verhaltensweisen geachtet und es kommt zu unterschiedlichsten, teils begründeten Reaktionen von Verständnis, Abneigung, Versuch der Anteilname,
Mitleid, Ekel oder auch Wut, Schuld und Unverständnis. Dies haben wir auch in unseren Interviewbetrachtungen festgestellt, bei der die
Betroffene M. sagte, dass die Reaktion nicht Betroffener auf das Verhalten „sehr unterschiedlich“ sei. „Einige starren, andere begegnen mir mit
Mitleid, das ich nicht will, […] viele können nicht verstehen, wie man sich selbst verletzen kann, die Schwelle dazu ist zu groß. Aber sie verstehen
die Gründe“. Diese Ursachen sitzen meist so tief, dass das Leben ohne eine ausführliche Therapie nicht wieder in normalen Bahnen verläuft, sondern
weiterhin durch Problemkonfrontation zur erneuten Selbstverletzung verleitet.
1.1 Hinleitung zum Thema anhand eines fiktiven Fallbeispiels
Es ist ein Tag wie jeder andere. Ich komme nach Hause, die Wohnung ist still. Meine Mutter ist noch auf Arbeit und mein Vater...niemand weiß
wirklich, wo er sich jetzt gerade wieder herumtreibt. Ich kann nur hoffen, dass er mich heute nicht sieht, der Tag lief gut, doch wenn er von
der Drei in Mathematik erfährt, wird es wieder Ärger geben. Mein Vater ist an und für sich ganz in Ordnung, wenn er jedoch wieder einmal getrunken
hat, wird er zur Last der ganzen Familie. Ich versuche mich abzulenken, denn da ist wieder diese Erinnerung. Der Fernseher läuft, doch ich komme
mit meinen Gedanken nicht davon los, spüre, wie er nach mir gegriffen hat, welche Stellen er an meinen Armen berührte. Ich gehe, wie so oft, unter
die Dusche und will dieses Gefühl abwaschen, jedoch der Versuch scheitert. Ich fühle wieder nur den Ekel vor mir selbst und den Hass, den Vater
seit meiner Kindheit ausgelöst hat. Als ich aus der Dusche steige, sehe ich im Spiegel meinen roten Rücken. Doch was hat es mir gebracht? Selbst
das heiße Wasser konnte nichts gegen diese Abscheu tun. Die innere Anspannung bleibt, als wäre bei einem Ball das Ventil verstopft und die Sonne
würde den Druck nur noch zusätzlich erhöhen. Leise läuft jetzt das Radio, doch meine Konzentration lässt nach und ich beginne mich mit den Dingen
im Bad zu beschäftigen: bürste mir langsam die Haare, creme mich ein, sehe in den Spiegel. Die Person, welche mich ansieht, ist mir fremd. Es ist,
als würde ich in der Haut einer anderen stecken und mein wahres Ich ist nicht zu erkennen. Wo ist das Leben in mir? Blass und mager blickt sie mich an. Hässlich ist sie! Neben dem Spiegel liegt eine Packung Rasierklingen. Mein Bruder benutzt sie immer. Noch nie hatte ich so etwas in der Hand, doch als ich sie nehme und langsam durch die Finger gleiten lasse, fühle ich die Schärfe auf der Haut. Mit der Spitze fahre ich mir vorsichtig über den Arm. Es ist als würde sich mir eine neue Welt eröffnen. Wie eine Erlösung ist diese Wunde und umso tiefer ich ritze, um so mehr tritt ein beruhigendes Gefühl in den Vordergrund. Kurz danach beginnt ein wenig Blut auszutreten. Ein Tropfen bildet sich, welcher langsam seinen Weg entlang der Wunde sucht. Ich fühle mich gut. Es ist, als hätte mir gerade jemand gezeigt, dass ich lebe, als hätte man mir meine gesamte Lebensenergie wieder geschenkt. Das dreckige unausstehliche Gefühl ist verschwunden. Langsam kann ich wieder klarer denken und beginne mich zu fragen, was vor ein paar Minuten geschehen ist. Manchmal habe ich schon von Freunden und Bekannten von Selbstverletzung gehört, doch nie wirklich darüber nachgedacht.
Was ist jetzt gerade nur mit mir passiert?
1.2 Definition und Formen der Selbstverletzung
Selbstverletzendes Verhalten wird immer wieder aus verschiedensten Blickwinkeln beschrieben und definiert. Dies lässt sich durch die bisher
unvollständigen und noch zu geringen Erfahrungen mit dieser psychischen Krankheit erklären. So entstehen auch immer neue Begriffe um dieses
Verhalten zu bezeichnen. Dermatologen sprechen zum Beispiel von Kutanen Artefakten, Para Artefakten oder Dermatitis fracticia. In der Psychologie
verwendet man hingegen Begriffe wie Autoaggression, selbstverstümmelnde Verhaltensweisen, selbstdestruktives Verhalten, offene Selbstbeschädigung
oder Automutilation. All diese Bezeichnungen beinhalten jedoch den Akt der Selbstverstümmelung, welcher von Sigmund Freud schon 1924 beschrieben wurde. Hierbei handelt es sich um ein extremes menschliches Verhalten, welches die direkte Verletzung des Körpers als Ziel und Folge hat. Der dabei angerichtete teilweise schwere Schaden ist meist die Auswirkung emotionaler Verzweifelung. Jedoch sind nach Winchel und Stanley „Handlungen, die mit bewussten suizidalen Absichten ausgeführt werden, oder verbunden mit sexueller Erregung […] ausgeschlossen.“. Weiterhin spielen psychologische, biologische, soziale und kulturelle Faktoren eine wechselseitige Rolle, sodass man die Definition der Selbstverletzung und vor allem die Formen in jedem Land unterscheiden müsste. Deshalb gehe ich in diesem Kapitel bis auf ein paar kleinere Anmerkungen nur auf den europäischen Kulturkreis ein.
Während der Phase der Selbstverletzung kommt es zur physischen und psychischen Reizung des Körpers, wobei dies oft in Betracht eines bewussten
Handlungsaktes oder auch als nicht direkt gewolltes Ergebnis geschieht, wie z.B. bei der nachfolgend erwähnten Hypochondrie. Die betroffenen
Körperstellen sind vordergründig Arme (speziell Unterarme) und Oberschenkel. Jedoch sind auch alle anderen Körperstellen, wie zum Beispiel Bauch,
Brust und der Genitalbereich betroffen. Dazu werden als häufigste Form Gegenstände, wie Rasierklingen, Nägel, Scheren, Messer oder Zigarettenstummel
verwendet. „Wenn selbst Hand an sich gelegt wird, seien jedoch bestimmte Verletzungsmuster charakteristisch, sagte der Heidelberger Rechtsmediziner
Professor Ingo Pedal.“4 Aufgrund dessen werde ich im Folgenden die Formen der Selbstbeschädigung aufzeigen.
Äußere Selbstverletzung:
- -Hautverletzungen: Abreißen der Mundschleimhaut, Ritzen, Schneiden, Cutten, Schnippeln
- -Ausreißen der Haare (Trichotillomanie) „Bereits in der griechischen Antike wurde das Phänomen als gesellschaftlich sanktioniertes Ritual psychischen Leidens beschrieben.“ (Siehe Anhang S. I)
- -Schädigung durch Unfallneigung
- -Störung des Wundheilungsprozesses
- -Nägelkauen (Onychophagie)
- -Beißen und Abbeißen der Nägelumgebenden Haut (Perionychophagie)
- -Schläge, Beißen, Geißelung
- -Gegenstände in Körper bohren
- -Verätzungen, Verbrennungen
Innere Selbstverletzung:
- -Essen von Haaren (Trichophagie)
- -Flüssigkeiten in den Körper einspritzen
- -Jegliche Arten von Suchterscheinungen
- -Knochenbrüche, Quetschungen, Abbinden von Gliedmaßen
- -Eindrücken des Augapfels
Selbstverstümmelung:
- -Verstümmelung, Amputation, Kastration
Selbstverletzung im Zusammenhang mit:
- -Mimikry Phänomen: Vorgetäuschte Krankheit und medizinische Präsentation einer selbstinduzierten körperlichen Krankheit
- -Münchhausen Syndrom: Symptome gleichen einer Krankheit (ähnlich dem Mimikry Phänomen)
- -Hypochondrie: Fanatisch übertriebene Angst vor lebensgefährlichen Körperzuständen aufgrund von Minimalsymptomen führt zu vermeintlich schützenden Handlungen, die den Körper letztlich beeinträchtigen
Durch die getätigten Interviews ist uns aufgefallen, dass die häufigste Art der Selbstverletzung in Form von Ritzen vorgenommen wird. Außerdem gibt es
einen hohen Anteil von Borderline – Patientinnen, welche Verbrennungen durch Zigarettenstummel herbeiführen oder sich mit Hilfe von Medikamenten- und
Alkoholmissbrauch dauerhafte Schäden zuführen. Ein Beispiel für die vielfältigen Möglichkeiten der Autoaggression ist Christine aus dem Buch
„Selbstverletzung – damit ich den Schmerz nicht spüre“. „Ich habe fast alle Möglichkeiten der Selbstverletzung ausprobiert, meistens schneide oder
steche ich mich. Ich zerschmettere Flaschen und einmal habe ich eine Glasplatte zerbrochen, aber normalerweise benutze ich ein Skalpell oder
Rasierklingen (sie sind alle nummeriert und werden der Reihe nach benutzt, bis sie stumpf sind). Ich verbrühe mich auch mit kochendem Wasser oder
ich verbrenne oder verätze mich…mit einem Bügeleisen oder indem ich Wattebäusche an meine Hände klebe, die ich zuvor in Chemikalien getränkt habe.
Ich reiße Blasen auf und schneide Wundschorf auf. Ich haue mir blaue Flecke, in dem ich mich mit allem schlage, was gerade da ist.“ In diesem
Fall werden vor allem äußere Verletzungen als die häufigste Form aufgeführt. Jedoch entstehen auch innere Verletzungen durch das Schlagen des Kopfes
gegen die Wand, das Eindrücken des Augapfels und das Beißen in eigene Körperteile. Die seltenste Form ist die Selbstverstümmelung, wobei durch
extreme Verhaltensweisen irreparable Schäden entstehen.
Eine weitere Einteilung kann man nach der Umgangsweise mit der Krankheit machen. So gibt es auf der einen Seite die offene Selbstverletzung, bei
der es oftmals auch zu einer demonstrativen Rolle der Narben und Wunden kommt. Hierzu zählt unter anderem die oberflächliche bzw. gemäßigte
Autoaggression, welche aus einer intensiven, regelmäßigen und automatisierten Ausführung besteht. Dadurch werden sichtbare Verletzungen herbeigeführt.
Dies ist die häufigste Form, welche auch mittlere Autoaggression genannt wird. Auf der anderen Seite ist die heimliche Selbstverletzung
zu nennen, bei der in erster Linie die Patientenrolle der Betroffenen im Vordergrund steht. Dies ist hauptsächlich beim Münchhausen Syndrom der
Fall, bei dem die Patientinnen eine Erkrankung herbeiführen und ihre Rolle als Patientin ausleben, obwohl keine Krankheit besteht. Die Symptome
sind jedoch so echt, dass der Arzt unwissend in die Person des Ausführenden gedrängt wird und somit teils verstümmelnde Maßnahmen ergreift, bei
denen lebensbedrohliche Komplikationen nicht zu vermeiden sind. Die Erkrankung selbst wird meist erst nach langem und schwerem Verlauf festgestellt,
bei dem oft schon Folgeschäden auftreten. Diese Einteilung des selbstverletzenden Verhaltens wird primär nach den Aspekten der Häufigkeit, Form,
Dauer, Situation und dem Verletzungsgrad vorgenommen. Ein wesentliches Merkmal der leichten Autoaggression ist der deutliche Situationsbezug und
nur eine geringe Intensität, wodurch keine sichtbaren Verletzungen auftreten. Im Gegensatz dazu steht die mittlere und schwere Autoaggression.
Diese weisen keinen direkten Situationsbezug auf, haben dafür aber eine stärkere Verhaltensintensität, was zu lebensbedrohlichen Verletzungen
führen kann. Zwischen all diesen Formen liegen noch andere Arten der Selbstverletzung. Diese sind aber nicht genau zu zuordnen oder zu schematisieren. Eine davon ist die zwanghafte Selbstverletzung, bei der aus übertriebener Kritik an sich selbst ein andauerndes Hautkratzen und übertriebenes Pickel entfernen hervorgerufen wird. Dies könnte sich aus der episodischen Selbstbeschädigung entwickelt haben, da hierbei die Betroffene sich nicht als Selbstverletzungspatientin sieht, weil das Verhalten durch einen einzelnen Impuls ausgelöst wird und nicht regelmäßig wiederkehrt. Mit der Zeit kann das zur Sucht führen. Als letzte besondere Art des Ritzens möchte ich auf verschiedene symbolische Wörter eingehen, welche sich Betroffene in den Arm schneiden.

Love me - Lieb mich I am nothing - Ich bin ein Nichts Alone - Allein
Das alles zeigt die Gefühlswelt der Personen noch deutlicher als der Schnitt selbst, da die emotionale Verzweiflung in Worte gefasst wird und damit
einen Appell an die Außenwelt darstellt: Nie wieder seelisch misshandelt werden!
1.3 Prävalenz der Problematik
„Selbstverletzende Handlungen sind ein gravierendes Problem in der Psychiatrie und Psychotherapie des Jugendalters. Bei einer Prävalenz von
knapp einem Prozent der Bevölkerung findet sich Automutilation in einigen Patientengruppen gehäuft.“ Vor allem bei psychiatrischen Patienten
ist der Anteil mit über 4% sehr hoch. Dies lässt sich durch die Ursachen der Selbstverletzung erklären, die vor allem in der psychischen Belastung
des Menschen liegen. Daher kommt es in diesen Fällen zu einer höheren Rate an Autoaggressionen als in der Gesamtbevölkerung. In anderen Quellen
spricht man sogar von 5 bis 10% Selbstverletzungssymptomatik bei stationär behandelten Patienten. „In Jugendpsychiatrischen Akutabteilungen,
wie an der Universitätsklinik Heidelberg, beträgt der Anteil der sich selbstverletzenden Jugendlichen bis zu 20%.“
Ein Grund für die ungenauen Betrachtungen liegt in den unverlässlichen Untersuchungen. Aufgrund dessen schwanken die Zahlen in einem Bereich von
14 bis 750 Personen auf 100.000 Einwohner pro Jahr. Die Dunkelziffer ist meiner Meinung nach sogar fast doppelt so hoch anzusetzen, da es nur
einen minimalen Anteil der Betroffenen gibt, die sich zu diesem Verhalten bekennen. Zusätzlich tritt in der Altersgruppe von 15 bis 35 jährigen
eine erhebliche Häufung der Fallzahlen auf, welche sogar bei 1800 Menschen pro 100.000 Einwohner liegen sollen. Betroffene sind vordergründig junge
Frauen mit multiplen Persönlichkeitsstörungen sowie geistig Behinderte, blinde und taube Kinder bzw. auch Erwachsene. Das Verhältnis von Frauen und
Männern, die sich selbst verletzen, wird zwischen 3:1 und 9:1 angegeben. Die Ansammlung von weiblichen Fällen ist in beiden Ergebnissen sehr gut
zu erkennen.
Die Häufigkeit in Deutschland ist bei 0,7% bis 1,5% anzusetzen, was ungefähr 600.000 bis 1,2 Millionen Menschen ausmacht. Diese gewaltigen Zahlen
lassen sich jedoch noch einmal unterteilen. Zum ersten in Personen, die sich nur einmal selbst verletzt haben, dies sind ca. 2%. Weiterhin ist eine
Menge von 25 bis 50-mal bei 23% der Autoaggressiven zu verzeichnen. Erschreckend daran ist, dass der größte Teil von 75% sich schon mehr als 50-mal
Wunden zugefügt hat.
Dies sind die Daten aus Deutschland, welche schon sehr alarmierend wirken. Weiterhin habe ich jedoch auch noch zusätzliche Daten über die USA
gefunden. Hier wurden die letzten Untersuchungen 1998 durchgeführt und ergaben, dass 1,9 Millionen Menschen im Land betroffen sind. Eine externe
Umfrage fand unter 500 Collegestudentinnen statt, bei der eine Quote von 14% geschrieben wurde.
Die letzten Fakten, die ich noch aufführen möchte, sind unter anderem ein Grund für unsere Themenwahl. So wurde am 01.07.2002 eine Umfrage mit
670 Teilnehmern auf der Internetseite „Rote Tränen“ gestartet, welche sich auf die Altersverteilung der Betroffenen bezieht. Das Einstiegsalter
wird hierbei auf 13 bis 17 Jahre angelegt. Das Ergebnis ist in der nachfolgenden Übersicht zu sehen.
Alter:
Betroffene:
- bis 13 Jahre
- 3%
- 14-15 Jahre
- 26%
- 16-17 Jahre
- 28%
- 18-19 Jahre
- 18%
- 20-21 Jahre
- 8%
- 22-30 Jahre
- 13%
- über 30 Jahre
- 4%
1.4 Autoaggression in Zahlen
Die nicht selbst erstellten Statistiken werden in diesem Kapitel dargestellt. Die von mir erstellten Diagramme dienen zur Unterstützung der
Vorstellung des Lesers. Erkenntnisse aus den durchgeführten Interviews werden dabei, wenn möglich, einbezogen. Die angegebenen Zahlen sind jedoch
nicht genau, da es viele Dunkelziffern gibt. Nicht jeder Selbstverletzer gibt bekannt, dass er sich selbst verletzt, warum er das macht oder auch
in welchem Alter er damit begann.Zunächst stellt sich die Frage, wie viele Menschen von selbstverletzendem Verhalten betroffen sind.

Diagramm 1
Wie bereits im vorigen Kapitel erwähnt, sind ca. ein Prozent Selbstverletzer, was man in Diagramm eins sehen kann.
Unterschieden wird aber auch zwischen Mann und Frau. Im Diagramm zwei wird die Verhältnisverteilung der Selbstverletzung auf die
Geschlechter dargestellt, wobei
dies nur ein Durchschnitt ist (siehe auch 1.3).

Diagramm 2
Die Häufigkeit des weiblichen Geschlechts bei den Betroffenen bestätigten uns auch Ärzte und
Betroffene. Der Grund, warum sich mehr Frauen selbst verletzen als Männer ist der, dass Frauen mehr Verantwortung übernehmen und sehr selten
ihre Aggressionen herauslassen bzw. herauslassen können. Frauen versuchen Probleme mit sich selbst auszumachen und wenden darum eine Form der
Autoaggression an. Sie wollen nicht akzeptieren oder wahrhaben, dass sie Probleme haben. Deshalb reden sie mit keinem darüber und hoffen, das
Problem löse sich von selbst.
Doch wann beginnt eigentlich die Zeit bzw. das Alter der Selbstverletzung?
Im Diagramm drei ist dies zu erkennen. Die genauen Angaben finden Sie in der Abbildung bzw. im Kapitel 1.3.

Diagramm 3
Ein Höhepunkt wird im Alter von 16 und 17 Jahren erreicht. Danach sinkt die Zahl und steigt noch einmal an. Diese Häufigkeit befindet sich nun
jedoch auf einem deutlich niedrigerem Niveau. Mit weiter zunehmendem Alter sinkt die Zahl der Selbstverletzer dann drastisch.
Daraus ist zu erkennen, dass die meisten Probleme in der Kindheit entstanden sind und in der Pubertät ausgelebt werden müssen. Alte Erinnerungen
kommen wieder zum Vorschein und es staut sich ein enormer Druck an, welcher auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind belastet. Häufig verlieren Jugendliche in dieser Zeit die emotionale Nähe zu Bezugspersonen, wie zu Eltern oder auch Freunden. Später werden neue Bezugspersonen gefunden (oder alte wiederentdeckt), an die man sich wenden kann, wie zum Beispiel der zukünftige Ehepartner, der den Betroffenen unterstützt.
Das ist der Grund, warum die Zahl der selbstverletzenden Personen über 30 wieder abnimmt.
So, wie das Alter schwankt, kann auch die Ursache schwanken. So können auch mehrere Faktoren zu einer psychischen Störung führen.

Diagramm 4
Wie im Diagramm vier zu sehen ist, beträgt die Gesamtzahl über 100 Prozent. Der Grund dafür ist die mehrfache Benennung der Ursache. So wurden 46
Prozent der Selbstverletzer Opfer eines sexuellen Missbrauchs. Ein traumatisches Erlebnis ist auch die Vergewaltigung, welcher 48 Prozent der
Betroffenen zum Opfer vielen. Erschreckend ist, dass über die Hälfte (53%) der jungen Selbstverletzerinnen vernachlässigt wurden bzw. werden.
Insgesamt ist zu sagen, dass 74 Prozent aller Selbstverletzer ein traumatisches Erlebnis hatten. Die Zahl der Menschen mit einer
Persönlichkeitsstörung ist unbekannt , da diese Zahl nicht erfassbar ist.
Es gibt viele verschiedene Arten, wie sich Betroffene selbst verletzen können. Im Diagramm fünf sind nur die wichtigsten Formen
dargestellt. Die Höhe von über 100% kommt dadurch zustande, dass die Betroffenen mehrfach die Form der Selbstverletzung benannt haben.
Einige dieser Formen verwendete auch die Betroffene M. (Ritzen in der Haut, Verbrennen, Schlagen mit Gegenständen, Verhinderung der Wundheilung
und Zerkratzen der Haut). Weiterhin missbrauchte sie Medikamente und Alkohol, schnitt sich, biss sich, piercte sich, hungerte, erbrach oder entzog
sich dem Schlaf. Die Betroffene S. hatte wiederum andere Methoden, sich selbst zu verletzen. Sie benutzte die Schere, den Bimsstein und die Nagelfeile.

Diagramm 5
Die häufigste Form der Selbstverletzung ist das Ritzen mit 72% , gefolgt von
Verbrennungen, die sich die Betroffene selbst zufügte, mit 35% . 30% lassen sich schlagen bzw. schlagen sich und 22% verhindern die
Wundheilung. Weitere 22% der Selbstverletzer zerkratzen ihre Haut, zehn Prozent reißen sich die Haare heraus und ca. acht Prozent brechen
sich die Knochen. Alle weiteren Formen der Selbstverletzung liegen unter acht Prozent und sind aus diesem Grund nicht im Diagramm enthalten.
Im Diagramm fünf ist zu erkennen, dass „Ritzen“ die häufigste Form der Selbstverletzung ist. Doch „Ritzen“ ist nicht gleich „Ritzen“.

Diagramm 6
Zunächst gibt es die verschiedensten Gegenstände, mit denen man sich verletzen kann. Aber auch der Körperbereich, an denen sie sich verletzen ist unterschiedlich.
Im Diagramm sechs ist die Verteilung der Körperstellen, an denen sich die Betroffenen „Ritzen“, dargestellt - Rumpf 15% und Extremitäten 85%.
Am Rumpf ist die Verletzung zwar nicht sofort erkennbar, jedoch ist dieser Körperbereich schwer beim verletzen oder beim späteren Wunde behandeln
zu erreichen. Deshalb benutzen die meisten Betroffenen die Extremitäten. Insbesondere verletzen sie sich an den Waden und Unterarmen. Sie können
die betroffene Stelle schnell verbinden oder Pflaster darauf kleben, damit es nicht zu Verblutungen oder Infektionen kommt.
1.5. Eingrenzung der Arbeit
Schon nach der Klärung des Begriffes Selbstverletzung kann man erkennen, dass diese Thematik eine sehr ausschweifende Behandlung zulässt.
Aus diesem Grund ist es wichtig, diesen Sachverhalt noch einmal einzuschränken. Da wir jedoch selbst mit der Eingrenzung aufgrund des weit
reichenden Feldes an Informationen Schwierigkeiten hatten, möchte ich unsere Entscheidung in diesem Kapitel darlegen.
Im Hauptgedanken beziehen wir alle Ausführungen auf die Selbstverletzung im Störungskontext. Dies bedeutet, dass Menschen mit Tattoos und
Piercings in dieses Verhalten von uns nicht mit einbezogen werden, da dieses Verhalten hauptsächlich auch als Trenderscheinung und Schönheitsideal
in der Gesellschaft aufgefasst wird. Auch beim Rauchen ist die Schädigung des Körpers nur eine Langzeitfolge und nicht das Mittel zur bewussten
Selbstverletzung.
Jedoch ist hierbei eine Trennlinie schwer zu ziehen, da sich die Grenzen des Zuträglichen mit den Grenzen zur Selbstverletzung stark durchmischen.
Zusätzlich sind viele selbstverletzende Verhaltensweisen gar nicht sofort erkennbar, da sie nicht immer durch die betroffene Person zugegeben,
sondern Wunden mit anderen Vorfällen begründet werden. Somit kann auch das Tätowieren eine Selbstverletzung sein, sobald dies nur aufgrund des
Schmerzes und der Schädigung des eigenen Körpers geschieht. Daran kann man schon sehr stark die Undeutlichkeit der Grenze zwischen psychischer
Störung und normalem Lebensvollzug beobachten, weshalb wir auch sadomasochistische Ansätze nicht mit einfließen lassen.
Eine weitere Krankheit, die wie die Autoaggression zum Borderline- Syndrom gehört und von vielen auch als Selbstverletzung bezeichnet wird, ist
die Essstörung. Diese lassen wir jedoch, wie andere Süchte, als Thema bewusst außen vor, da die Behandlung zu weitreichend und verwirrend geworden
wäre. Ebenso haben Essstörungen sehr oft auch einen anderen Hintergrund sowie Auslöser und Verlauf, wodurch auch ein entscheidender Unterschied zur
Selbstverletzung in Bezug auf Funktion und Folgen entsteht.
Schließlich haben wir uns, in der Beschränkung des Themas, auf junge Frauen geeinigt, da diese nach dem Vergleich von Statistiken und der Auswertung
unserer Interviews zur Arbeit am zahlreichsten betroffen sind. Gründe hierfür werden ausführlicher im Punkt 2. beschrieben. Damit werden wir uns
hauptsächlich mit Selbstverletzung, wie Schneiden und Ritzen befassen, zumal dies die häufigsten Formen sind.
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