„Schmerz, der nicht spricht, bricht das Herz und macht es brechen.“(Shakespeare)
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Der Drang sich selbst zu spüren - Selbstverletzendes Verhalten bei jungen Frauen


2. Verhaltenskontexte – Ursachen und Auslöser

Selbstverletzendes Verhalten – ein Phänomen, welches bei Vielen nach den Hintergründen fragt. Oftmals kann das Verhalten nicht verstanden und nachvollzogen werden. Dadurch entsteht bei vielen Menschen eine abstoßende Meinung über dieses Thema. Die Meisten ignorieren es oder versuchen gar nicht erst dieses Verhalten zu verstehen. Darunter befinden sich auch Ärzte. Sie sind im Sinne der Betroffenen eigentlich Helfer, die sie unterstützen sollen. Oftmals erfüllen sie diese Funktion jedoch nicht. Der Grund dafür ist das Unverständnis für dieses Handeln. Ich will in den nächsten Kapiteln einen Beitrag dazu leisten, dass dieses Unverständnis beseitigt wird.

In der Hoffnung, dass damit nicht nur den Ärzten das Thema verständlicher wird. Es gibt die verschiedensten Ereignisse, die im späteren Lebensverlauf selbstverletzendes Verhalten hervorrufen. Die wichtigsten Ursachen, wie sexueller Missbrauch (2.2.1), emotionales Mangelmilieu (2.2.2), Persönlichkeitsstörungen (2.2.3) und posttraumatische Belastungsstörung (2.2.4) werden erklärt. Zuvor muss jedoch zwischen reinem Verhaltenskontext (2.1) und Selbstverletzung im Rahmen psychischer Störungen (2.2) unterschieden werden. Auf den Punkt 2.1 wird in 4.2 weiterführend eingegangen. Die Verteilung der Ursachen, insbesondere des sexuellen Missbrauchs, der Gewaltanwendung und der Vernachlässigung, werden in 1.4 beschrieben.

2.1 Selbstverletzendes Verhalten als „Modeerscheinung“

Selbstverletzendes Verhalten kann auch unabhängig von Missbrauch oder anderen Traumata entstehen.

So zum Beispiel, wenn ein Mensch in einer krankmachenden Umgebung aufwächst. Sie kann geprägt sein von bösen Worten, Gesten, Mimiken oder Handlungen, die die Person verletzen. Viele kleine Dinge, die die Freunde oder die Familie nicht bemerken oder schätzen sind für die Betroffenen sehr wichtig.

Worte, wie „Kopf hoch. Stell Dich nicht so an. Du kommst da schon drüber weg.“ oder „Schau mal endlich das Positive an und hör auf, so pessimistisch zu sein [...]“ zeigen dem Adressaten, dass ihn niemand versteht. Er wird immer pessimistischer und depressiver, isoliert sich vom Umfeld. Da die Verletzungen, die er oder sie erfährt, immer intensiver empfunden werden, ist irgendwann ein Punkt erreicht, der deprimierend ist und wo aufgestaute Wut und Trauer heraus müssen. Das geschieht oft durch Autoaggression.

Weiterhin gibt es religiöse Bräuche, Sitten oder Rituale, in denen sich Menschen selbst verletzen. Sie wollen den Geist befreien und körperliche Bedürfnisse und Begehren werden erlöst oder befriedigt .

Im Zustand der Extase wird das Schmerzempfinden ausgeschaltet. Es findet eine Entlastung von Schuldgefühlen und seelische Befreiung statt . Die Betroffene ist erleichtert, frei, befriedigt und gestärkt, dies kann im Sinne einer Bekräftigung dazu führen, dass sie es immer wieder tun will und es zu einer Sucht wird.

Eine andere Art der Selbstverletzung ist das Streben nach Annähern an Schönheitsideale. Menschen verletzen ihren Körper letztendlich, damit sie schöner aussehen, doch oft geschieht das Gegenteil und endet mit starken Körperbeschädigungen. Auch „extreme Formen des Bodybuilding“ führen zu starken Schädigungen. Das Ziel des Bodybuildings oder extremer Sportarten ist die Schönheit. Jedoch ist dies in solch extremen Maßen ungesund, schadet dem Körper und ist somit eine Art der Selbstverletzung.

Oftmals entsteht eine Selbstverletzung durch die „Modeerscheinung“. Dies ist ein Phänomen, welches häufig sehr junge Frauen betrifft. Gruppenzwang oder einfach nur „cool“ sein bringt Menschen auch dazu sich selbst zu verletzen. Ein Vergleich stellt das Rauchen dar. Probieren tun fast alle, doch nicht jeder findet Gefallen daran. Diese Art hat also keine speziellen Hintergründe und muss deshalb nicht von langer Dauer sein.

2.2 Selbstverletzung im Rahmen psychischer Störungen

Psychisch gestörte Menschen wurden schon immer verstoßen, so auch die Hexen, von denen es hieß sie seien krank und vom Teufel besessen. Sie landeten auf Scheiterhaufen und Inquisitionen verurteilten sie zum Tode. Dies war im Mittelalter. Zu dessen Ausgang und Beginn der Aufklärung folgten die Tollhäuser. Menschen, die psychisch krank waren, was man damals aber noch nicht wusste, wurden in diese Häuser „abgeschoben“. Sie befanden sich weit außerhalb der Städte, sodass sich niemand von ihrem Leiden „anstecken“ kann. Eine äußerst schlechte Versorgung dieser Menschen weist darauf hin, dass sie von der Gesellschaft verstoßen wurden.

Doch der Mensch forschte und stellte nach vielen Jahren fest, dass sich bei einer solchen (psychischen) Krankheit sogar bestimmte Teile des Gehirns verändern. Einige Jahre später gab es die ersten „Irrenanstalten“, in denen die Betroffenen wesentlich besser behandelt wurden. Sie lagen zwar immer noch außerhalb der Städte, doch wurden diese Menschen nicht mehr derartig abgestoßen. Später entstanden auch die ersten psychiatrischen Anstalten, in denen den Patienten geholfen wurde, sie zu heilen. Diese Anstalten lagen nun teils in den Städten, da diese wuchsen und somit vom Randgebiet automatisch dem Zentrum näher rückten.

Doch zur Zeit des Nationalsozialismus’ wurde die Idee wieder aufgegriffen, diese Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen, weil die Rassenideologie ein solch psychisch kranken Menschen nicht zulässt. Er könnte sein genetisch krankes Material weiter vererben. Heute wissen wir aber, dass diese Krankheit nicht direkt vererbbar ist. Das Thema wurde in der Vergangenheit meines Erachtens zu wenig diskutiert, was ein weiterer Grund des Aufgreifens eines Tabuthemas ist.

Das Ausmaß der psychischen Störungen, wie sie heute erscheinen, hat es so noch nie zuvor gegeben. Immer mehr soziale Probleme kommen auf die Menschen zu. Unter anderem verursacht der Mensch „Hausgemachte Probleme“, für die er verantwortlich ist. Als Beispiel hierfür kann u.a. die gegenwärtige Wirtschaftslage dienen. Durch diese können soziale Spannungen auftreten. Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer, womit die Menschen der unteren Schichten häufig nicht umzugehen gelernt haben. Ein weiteres Beispiel ist die Veränderung der Kräfte, durch die Familienstrukturen zusammengehalten werden. Ging es früher um wirtschaftliche Notwendigkeit (Vater=Verdiener; Mutter=Betreuerin), wird heute Individualismus groß geschrieben. Familien brechen auseinander, Beziehungen entstehen neu („Lebensabschnittsgemeinschaft“, „Patchwork-Familien“). Ein drittes Beispiel ist die Veränderung der Umwelt als Folge menschlichen Einwirkens. Dies wird als Bedrohung erlebt. Nicht zuletzt trat mit dem Ende des Kalten Krieges an die Stelle einer für uns Mitteleuropäer immerhin stabilen politischen Lage die Unsicherheit gegenüber näher rückender terroristischer Bedrohungen ein. Alles das sind Belastungen für die Psyche.

In den folgenden Vier Kapiteln werden die am häufigsten auftretenden Ursachen von Selbstverletzendem Verhalten und deren psychischer Störung fokussiert.

2.2.1 Sexueller Missbrauch

Eine mögliche Ursache von selbstverletzendem Verhalten sind traumatische Erfahrungen. In den letzten Jahrzehnten ist sexueller Missbrauch als erschreckend häufiges Kindheitstrauma erkannt worden. Es verursacht eine Störung der Entwicklung, die einem seelischen Chaos gleich kommen kann. Im Besonderen wird der eigene Körper als reines Objekt erlebt, das im negativsten Sinn benutzt wird. Das kann nur ertragen werden durch Herstellung einer kühlen Distanz zu sich selbst. Damit wird ein an dieser Stelle tatsächlich hilfreicher Mechanismus erlernt. Wird dieser gleiche Mechanismus in späteren Krisensituationen erneut provoziert, kann er schwerwiegende Konsequenzen haben. Das körperliche Eins-Sein mit sich selbst geht verloren. Erst ein starker Reiz stellt es wieder her: ein Schmerz durch Selbstverletzung.

Zwar gilt: nicht jedes Opfer eines sexuellen Missbrauchs verletzt sich selbst, ebenso sind nicht alle Selbstverletzende Missbrauchsopfer. Aber: „Je früher der Missbrauch anfing, desto eher griffen die Betroffenen zum Messer und desto tiefer waren die Schnitte.“

Missbrauch macht also krank und die Opfer benötigen Hilfe in Form von seelischer Unterstützung.

Andernfalls wird die Entwicklung eines stabilen Identitätsgefühls zunehmend schwerer. Scheinbar Vergessenes kommt plötzlich Jahre später wieder zum Vorschein. Dies nennt man Flashback. Die Betroffenen sind mit emotionsreichen und erdrückenden Erinnerungen konfrontiert und haben den Drang, ihre Spannungen zu lösen. Dabei wählen einige den Weg der Selbstverletzung.

Die Komplexität der psychischen Vorgänge im Missbrauchsopfer ist bisher jedoch noch nicht ausreichend dargestellt. Denn zusätzlich zum bereits beschriebenen findet in der traumatischen Situation regelmäßig eine innere Versöhnung mit den Tätern statt. Im Großteil der Fälle sind das schließlich nahe Verwandte. Was sie tun, kann nicht falsch sein, weil sonst das ganze Weltbild zerstört würde. Die Einteilung in Gut und Böse dreht sich um. Das Opfer sieht die Schuld an allem -womöglich noch Jahrzehnte später- in sich selbst. Damit kann Selbstverletzung auch Selbstbestrafung sein.

2.2.2 Emotionales Mangelmilieu

Emotionales Mangelmilieu (auch genannt: „emotionale Deprivation“) bedeutet Vernachlässigung, speziell von Kindern seitens der Eltern. Diese kann sich außer im emotionalen Bereich auch in der körperlichen Versorgung des Kindes auswirken. Dabei ist die emotionale Deprivation ein stärkerer und häufigerer Auslöser von selbstverletzendem Verhalten im späteren Lebensverlauf. Die körperliche Vernachlässigung soll deshalb in dieser Abhandlung nicht weiter im Mittelpunkt stehen.

Ein Kind ist immer auf seine Eltern angewiesen und benötigt viel mehr als nur Pflege und Nahrung. Die Kinder, die unter Deprivation leiden, erhalten zu wenig oder gar keine Zuwendung, Liebe, Akzeptanz oder Anerkennung durch wichtige Bezugspersonen.

Emotionales Mangelmilieu als Ursache des selbstverletzenden Verhaltens hat verschiedene Hintergründe: zunächst kommen Kinder nicht selten ungewollt auf die Welt und werden als störend und unerwünscht empfunden. Das kann zur Folge haben, dass diesen Kindern Liebe und Zuneigung versagt werden.

Ferner können Eltern in ihrer eigenen Kindheit vernachlässigt worden sein. Aufgrund dessen haben sie wenig emotionale Möglichkeiten erlernt, um dem Kind genügend Liebe und Zuwendung zu schenken. Unreflektiert werden traumatische Erfahrungen aus der eigenen Kindheit im Umgang mit den eigenen Nachkommen verhaltenswirksam. Diese haben somit keine Chance, ein gutes und stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln. Generell wird die Ausprägung einer gut entwickelten Persönlichkeitsstruktur behindert, wenn Mutter und/oder Vater nicht gelernt haben, die Bedürfnisse ihres Kindes wahrzunehmen und zu respektieren.

Schließlich haben Eltern mitunter Angst, zu viel Liebe zu geben. Sie halten sich deshalb emotional zurück und wollen nicht, dass ihr eigenes Kind zu sehr verwöhnt wird. Sie halten das für einen Erziehungsfehler. Insgesamt spielt dieses Motiv jedoch eine untergeordnete Rolle bei der Entstehung von Vernachlässigung.

Die vernachlässigten Kinder und Jugendlichen wachsen -zusammengefasst- in einem Umfeld naher Bezugspersonen auf, welches ihnen zu wenig Wertschätzung und Zuwendung entgegenbringt. Sie fühlen sich nicht ernst genommen und empfinden sich im weiteren Verlauf häufig als anormal, ausgeschlossen, zurückgewiesen und unwert. Hilfe bekommen sie zu selten, da die Eltern diese Hilfe meist nicht aktiv suchen. Aufgrund dessen wird das gestörte Selbstbild in die weitere Entwicklung mitgenommen. Angesichts kritischer Lebenssituationen wird die eigene Person als nicht individuell handlungsfähig erlebt; die Betroffenen entwickeln teilweise Depressionen, fühlen sich hilf- und hoffnungslos, empfinden sich als schuldhaft, was autoaggressives Denken und Handeln nach sich ziehen kann. Schon Kinder entwickeln Mechanismen, um emotionales Mangelmilieu zu überwinden. In teilweise grotesk erscheinender Form - sie provozieren Aggressionen:

„Denn verschiedenste Untersuchungen haben gezeigt, dass diese [Kinder - d. Verf.] lieber geschlagen werden (und eben dann auch lernen dies bei ihren Eltern zu provozieren) als gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen (also vernachlässigt zu werden)“ . Im Extremfall wird sogar Aggression gegen sich selbst ausgelebt. Der emotionale Mangel wird durch Schmerz kompensiert und der eigene Körper als Teil des Unwerten selbst zu einem Objekt, welches verhasst, böse und schlecht ist. Er wird durch die eigene Person verletzt.

2.2.3 Die verschiedenen Persönlichkeitsstörungen

Eine Persönlichkeitsstörung bedeutet seelische Instabilität eines Menschen. Sie wird durch Störungen in verschiedenen Entwicklungsphasen, ausgelöst durch Konflikte, Traumata, Deprivation oder andere meist äußere Einflüsse, hervorgerufen.

Eine der wichtigsten und häufigsten Persönlichkeitsstörungen ist die Borderline-Erkrankung (emotional instabile Persönlichkeit). Weitere Persönlichkeitsstörungen laut internationaler Klassifikation psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind die paranoide (im weitesten Sinne misstrauische), die histrionische (dramatisierende), dependente (abhängige), antisoziale (normenarme), schizoide (emotional kühle), anankastische (zwanghafte) und ängstliche Persönlichkeitsstörung.

„Bei der Borderline-Erkrankung handelt es sich meist um eine Vielzahl von Verhaltensmustern [...]“ . Eines der Hauptmerkmale ist das „Schwarzweiß-Denken“ , das heißt, die Betroffenen schwanken zwischen Extremen, wie zum Beispiel sehr guter und sehr schlechter Laune. Weiterhin leben diese Menschen ständig in Gefahren, da sie das Risiko lieben. Überfahren von roten Ampeln, zu schnelles Autofahren, Börsenspekulationen, S-Bahn-Surfen oder Alkohol- und Drogenexzesse lassen die Betroffene an die persönlichen Grenzen geraten.

Die typischen, zur Diagnose führenden, Charaktereigenschaften sind bei den Persönlichkeitsstörungen jeweils verschieden. So treten die Menschen mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung auffallend theatralisch auf. Sie bringen ihre Gefühle auf übertriebene Art und Weise zum Ausdruck. Oftmals handeln diese Personen aus dem Affekt und sind durch äußere Einflüsse leicht beeinflussbar. Weiterhin versuchen sie im Mittelpunkt zu stehen und benötigen viel Aufmerksamkeit. Außerdem achten sie sehr auf ihr äußeres Auftreten. Sie möchten attraktiv erscheinen, was sie jedoch meist übertreiben.

Bei der anankastischen Persönlichkeitsstörung ist ein extremes Festhalten an Normen und Regeln charakteristisch, was zu zwanghaften Verhaltensstrukturen führt und die Veränderungsfähigkeit einschränkt.

Eine weitere Persönlichkeitsstörung ist die dependente Persönlichkeitsstörung, bei der eine Betroffene nicht allein für sich und ihr Leben mit allen Entscheidungen Verantwortung tragen will und bestimmte Dinge nicht ohne Hilfe tun und entscheiden will bzw. kann. Sie fühlt sich hilflos, hat Angst oder keine Kraft, um sich Rat zu holen. Angst, weil sie Zustimmung und Unterstützung verlieren könnte. Andererseits hat er Angst alleine zu sein, „[...] verlassen zu werden und für sich selbst sorgen zu müssen [...]“.

„Die Antisoziale Persönlichkeitsstörung [...] kann [...] durch nur zwei Wörter beschrieben werden: haarsträubende Gewissenlosigkeit“ . Überschreiten von Normen, kriminelle Handlungen, Lügen, Betrügen oder Manipulieren von Menschen ist keine Seltenheit bei Betroffenen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, welche auch als Psychopathie bezeichnet worden ist, aber heute nicht mehr gern bezeichnet wird. Solche Menschen handeln verantwortungslos und missachten wichtige Regeln des Lebens. Bei ihrem Vorgehen zeigen sie danach noch nicht einmal Reue. Aufgrund ihrer Handlungsweise wird diese Persönlichkeitsstörung als antisozial bezeichnet. Eine andere Seite dieser Betroffenen ist ein Mensch, der „ [...] häufig sehr intelligent, smart und clever [...]“ ist. Den meisten Patienten gelingt es nach einer therapeutischen Behandlung ein „ [...] sozial integriertes, erfolgreiches Leben zu führen [...]“.

Die letzte Persönlichkeitsstörung, die in diesem Kapitel kurz beschrieben werden soll wird, ist die schizoide Persönlichkeitsstörung. Sie wird als schizoid bezeichnet, da dies übersetzt „seelisch zerrissen“ heißt. Die Menschen, die unter dieser Störung leiden, sind gefühlsmäßig hin- und hergerissen. Sie leben in ständiger Ambivalenz. Die Betroffenen haben beispielsweise ein starkes Bedürfnis nach Nähe, andererseits können sie die Zuwendung kaum ertragen und leben häufig allein und isoliert. Das ist auch der Grund, warum sie ein sehr scheues und stilles Verhalten aufweisen. Sie sind sehr unsicher in ihrem Handeln und zeigen sich scheinbar emotional kühl.

Alle vorgestellten Persönlichkeitsstörungen weisen ein instabiles Selbstwertgefühl und -bewusstsein auf. Bei allen zeigt sich eine Störung im Inneren des Betroffenen (im so genannten Persönlichkeitskern).

Bei weitem am häufigsten tritt Selbstverletzung bei emotional instabiler Persönlichkeit auf.

2.2.4 Posttraumatische Belastungsstörung

Ein Trauma ist eine Verletzung (körperlich oder seelisch), welche durch verschiedene Einflüsse hervorgerufen werden kann. Der Verlust eines Menschen, Krieg, Vergewaltigung, Scheidung der Eltern und vieles mehr kann eine „akute Belastungsreaktion“ von vorübergehendem Charakter auslösen. Ein gewisser Prozentsatz dieser Menschen entwickelt eine posttraumatische Belastungsstörung, die frühestens nach einem halben Jahr zum Tragen kommt.

Die betroffenen Personen sind häufig mit mehreren Traumata konfrontiert. Sie fühlen sich hilflos, entsetzt oder fürchten sich. Immer wieder erleben sie die Ereignisse im Traum oder in Gedanken. Sie bekommen Halluzinationen, Flashbacks oder Illusionen vom Trauma. Die Betroffenen versuchen zu vermeiden mit dem Thema ihres Traumas in Verbindung zu kommen. So gehen sie nicht an die Tatorte oder gehen Gesprächen aus dem Weg, sie verdrängen also das Trauma, zumindest versuchen sie es, denn es gelingt ihnen auf Dauer meist nicht. Sie fühlen sich entfremdet und sind unfähig zärtliche Gefühle zu empfinden. Karriere, Kinder, Ehe oder ein „normal langes Leben“ sind in Frage gestellt. Ein- bzw. Durchschlafen bereitet den Betroffenen erhebliche Schwierigkeiten.

Bei der körperlichen Misshandlung ist der Körper ein Objekt, wie beim sexuellen Missbrauch. Oftmals geschehen diese Misshandlungen innerhalb der Familie, wobei die Gefühle des Kindes missachtet werden. Die Familienmitglieder beteiligen sich oder ignorieren die Tat. Das Kind entwickelt dadurch eine negative Lebenseinstellung. Die Betroffenen erhalten das Gefühl schlecht zu sein und denken, sie haben den Missbrauch verdient. Solche und andere Ereignisse versuchen sie zu verdrängen, zum einen durch so genannte „induzierte Depersonalisation“ (Kind erlebt sich nicht als Teil des Traumas). In dem Fall befindet sich das Kind innerlich an einem schöneren Ort. Weiterhin gibt es die induzierte Derealisation (andere Person redet dem Kind ein, es habe nur geträumt). Der dritte innerpsychische Mechanismus ist die Realität zu verlassen und zu phantasieren, dass es nur ein Spiel war, wie in einem Theater. Doch meist sind diese Mechanismen nur für kurze Zeit notdürftig wirksam und auf längere Sicht können sie die Ereignisse nicht verdrängen oder ungeschehen machen und richten eine Art der Autoaggression aus bzw. münden in einer Fremdaggression (speziell bei Männern).

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