„Schmerz, der nicht spricht, bricht das Herz und macht es brechen.“(Shakespeare)
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Der Drang sich selbst zu spüren - Selbstverletzendes Verhalten bei jungen Frauen


3. Verlauf der Selbstverletzung

„ ... und jede Narbe hat ihre eigene Geschichte.“ Aus diesem Satz der Betroffen M. geht hervor, dass jeder Akt der Selbstverletzung anders verläuft. Es gibt vielfache Auslöser, Motive, Intensitäten und Arten der Selbstverletzung. Demnach kann man nicht sagen, dass eine Selbstschädigung nach einem bestimmten Muster und immer in der gleichen Art und Weise stattfindet. Ganz allgemein jedoch lässt sich das folgende Ablaufsschema feststellen:

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Auslöser für eine Selbstschädigung können viele Faktoren sein. Streit, Kritik, Stress, das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben, aber auch überwältigende Gefühle wie Wut, Trauer, Aggressionen usw. steigern die innere Spannung enorm.

In nahezu allen Fällen stellt das Ritzen den Ausdruck von Gefühlen und seelischem Schmerz dar. Lerngeschichtlich bedingt können Betroffene mit starken Effekten und Emotionen nicht adäquat umgehen. Ebenso ist die Selbstverletzung ein Ventil für inneren Druck, welcher nicht in Worte gefasst und anderweitig abgebaut werden kann. Typisch ist weiterhin die innere Leere, welche die Patientinnen spüren. Ich persönlich habe erfahren, dass man nicht in der Lage ist zu weinen und Emotionen wirklich zuzulassen. Aus diesem Grund fühlt man sich wie tot. Die betroffenen Frauen versuchen die unerträglichen Gefühle zu kompensieren, indem sie sich körperliche Schmerzen zufügen, welche in diesem Moment nicht bzw. weniger wehtun als die seelischen Wunden.

„Die bei Selbstverletzungen ausgeschütteten körpereigenen Opiate hemmen einerseits das Schmerzempfinden und rufen andererseits eine angenehme, zum Teil sogar euphorische Stimmung hervor.“ Dies ist auch die Erklärung auf die oft gestellte Frage, ob die selbst zugefügte Verletzung den Betroffenen nicht wehtue. Das Schmerzempfinden ist durch die starke innere Anspannung mitunter zwei bis drei Stunden vermindert.

3.1 Emotionale Befindlichkeit vor und nach der Handlung

Die psychische Verfassung betroffener Patientinnen kurz vor einer Selbstverletzung ist in vielen Fällen ähnlich. Zwar wird der Zustand von jeder Betroffenen subjektiv erlebt, doch ähneln sich die Beschreibungen der Gefühle unmittelbar vor einer selbstverletzenden Handlung.

Ausgangspunkt ist oft eine depressive Grundstimmung; das Gefühl, dass etwas falsch ist. Die Patientinnen nehmen wahr, dass sie traurig oder wütend sind, Schmerz empfinden. Psychisch stabile und gesunde Menschen bringen dies verbal oder durch Ablenkung bzw. Auslebung des Gefühls zum Ausdruck. Selbstverletzerinnen aber können nicht über ihre Gefühlswelt reden oder sich in irgendeiner anderen Art und Weise abreagieren. So steigert sich der innere Schmerz und entwickelt sich zu einem unerträglichen Anspannungsgefühl. Vergleichbar ist dieses – partiell jedenfalls – mit dem Anspannungsgefühl vor einer Prüfung, einem Bewerbungsgespräch oder mit der emotionalen Befindlichkeit nach einem heftigen Streit. Ein Gefühl, das jedem bekannt ist. Sich selbst verletzende Mädchen und Frauen erleben jenes jedoch viel intensiver und quälender. Oft sind sie auch nicht in der Lage, zu beschreiben, was eigentlich in ihnen vorgeht. Sie finden einfach keine Worte dafür, ihre Gefühle sind für sie nicht fassbar.

Mitunter befinden sich die Betroffenen in einem regelrechten Trancezustand, erleben ihre Umwelt als diffus, schalten ab. In der Fachsprache wird dieses Flüchten in eine Art Schattenwelt als dissoziativer Zustand- die psychische und emotionale Auflösung bezeichnet. Der deutsche Professor für Psychiatrie Ulrich Sachsse beschreibt diese Befindlichkeit – wie weithin in der Fachwelt üblich - als „Depersonalisation und Derealisation“ . Das eigene Ich und die Umgebung werden als fremd und verändert erlebt, es scheint der Betroffenen, als stünde sie neben sich. Sie hat keinerlei Kontrolle mehr über ihr Handeln. Ihre Reaktionen geschehen automatisch, ohne sich der Konsequenzen überhaupt bewusst zu sein. Der Körper wird als taub oder gar tot, wie abgespalten erlebt. Um diesem Identitätsverlust zu entweichen und die Spannungszustände zu reduzieren, bedienen sich von der Störung betroffene Mädchen und Frauen der Selbstverletzung.

Das fließende Blut hat eine entspannende Wirkung und das erste, was von den Betroffenen unmittelbar nach einer Selbstverletzung gefühlt wird, ist Erleichterung und innere Ruhe. Sie sind wieder unter Kontrolle, der Druck konnte abgebaut werden und dies löst Zufriedenheit aus. Die Betroffene M. sieht die Verletzung als „innere Reinigung“, bei der man den „Schmerz rausfließen lassen“ kann.

Es kommt auch vor, dass die Mädchen und Frauen, die sich gerade selbst verletzten, sehr erschöpft und müde sind und sie der Schlaf regelrecht übermannt.

Je mehr Zeit vergeht, umso negativer fällt die Bewertung der vollzogenen Tat aus. Empfand die Betroffene zunächst Beruhigung, Befreiung und vielleicht auch ein Stück weit Stolz, die Kontrolle wieder erlangt zu haben , so rückt die Selbstverletzung nach einiger Zeit in ein negativeres Licht, Scham- und Schuldgefühle treten auf. Die junge Frau fühlt sich schlecht und macht sich Vorwürfe. Dadurch wird der Kreislauf der Selbstverletzung fortgeführt.

3.2 Vorgang der Selbstverletzung

Um sich selbst Schmerzen zuzufügen, muss ein Mensch sehr verzweifelt sein. Wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben, befinden sich die Betroffenen kurz vor und während der Tat in einem psychischen Ausnahmezustand, welcher kaum in Worte zu fassen ist.

Wie die Selbstverletzung im Detail verläuft, ist individuell sehr different und hängt auch von der Schwere des auslösenden Problems ab. Ebenso muss man die Häufigkeit einer Selbstschädigung bei der Betrachtung beachten. Es gibt Betroffene, die nur situativ auf eine Selbstverletzung zurückgreifen, d.h. sie brauchen den Schmerz nicht täglich, sondern nur in Stress- und Problemsituationen. Allerdings benötigen manche Patientinnen den physischen Schmerzreiz sehr oft, um sich selbst zu spüren und am Leben zu erhalten, einem Suizid vorzubeugen. Manche Patientinnen bedienen sich dem Mittel des „emotionalen Shifts“. Dies bedeutet, dass sie den ursprünglichen Affekt und die damit einhergehenden Gefühle nicht ausleben. Sie reden sich ein, bestimmte Vorfälle, wie z.B. das Vermasseln einer Prüfung, würden immer nur ihnen passieren und führen dies auf ihre eigene Unfähigkeit zurück. Dafür hassen sie sich. Den zweiten Affekt des Selbsthasses und das Gefühl, die Schuld am zuvor Geschehenen zu tragen, leben sie dann in Form einer Selbstverletzung aus.

Befindet sich die Betroffene in einem dissoziativem Zustand, so erlebt sie den Schmerz als sehr irreal und diffus. Die Gefühle für die eigene Person sowie die Grenzen des Körpers sind verloren gegangen. Die betroffene junge Frau agiert in Trance. Um wieder eins mit sich selbst zu werden und dem Trancezustand ein Ende zu setzen, sucht sie „ihren“ Schmerz, mit dem sie nach dem Abdriften in eine Schattenwelt wieder Kontrolle über sich erlangt.

Dient der Schmerz der Selbstbestrafung, wird er meiner Meinung nach eher genossen und ausgekostet. Die Schnitte werden sehr langsam ausgeführt. Mitunter wird Salz in die offene, frische Wunde gestreut, oder aber auch Haarspray, Parfüm etc. auf die Verletzung gesprüht, um den Schmerz und die Narbenbildung zu intensivieren.

Es kommt vor, dass die Mädchen und Frauen den Akt der Selbstverletzung wie ein Ritual durchführen, im Zimmer für eine düstere und melancholische Stimmung sorgen, Musik auflegen, Kerzen anzünden und Gegenstände bereitlegen. Dies ist aber von Patientin zu Patientin sehr verschieden und trifft nicht auf alle Betroffenen zu. Die Schnitte werden nach Ansicht von Medizinern und Psychologen „vor allem in Längsrichtung“ gesetzt. Ich habe bisher nur mit Betroffenen gesprochen, die quer, also gegen den Aderlauf geschnitten haben. Die Gefahr einer tödlichen Verletzung ist bei Längsschnitten sehr groß und die Schädigung wird im Normalfall in nicht suizidaler Absicht vorgenommen. Aus diesem Grund kann ich die Aussage des Fachpersonals nicht bestätigen.

Nach der Handlung versorgen die autoaggressiven Mädchen und Frauen ihre Wunden absurder Weise sehr sorgfältig und liebevoll.

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Bereitgelegte Gegenstände






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