„Schmerz, der nicht spricht, bricht das Herz und macht es brechen.“(Shakespeare)
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Der Drang sich selbst zu spüren - Selbstverletzendes Verhalten bei jungen Frauen


4. Funktion der Selbstverletzung

Es gibt viele Beispiele für die Flucht in Selbstverletzung, um körperlichen und seelischen Qualen zu entgehen. Man sollte hierbei darauf achten, welche direkte Funktion dieses selbstdestruktive Verhalten hat. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die gegen ihre Haft, die vorherrschenden Lebensbedingungen oder auch die Kriegssituation protestieren. So kommt es dazu, dass Hungerstreiks durchgeführt werden, welche bleibende gesundheitliche Schäden mit sich bringen. Soldaten fügen sich Verletzungen zu, um dem Kriegseinsatz zu entgehen und Häftlinge erhoffen sich durch die starke Verwundung eine Hafterleichterung oder haben das Ziel, zum Beispiel durch Löffel schlucken, in die wesentlich komfortableren Krankenhäuser verlegt zu werden. Doch die genannten Beispiele haben in ihrer Funktion nur im Entferntesten Gemeinsamkeit mit den eigentlichen psychologischen Hintergründen der betroffenen jungen Frauen in Deutschland. Folglich ist der Zweck dieses Verhaltens bei allen Menschen völlig unterschiedlich und wird deshalb im Falle der stammesgeschichtlichen Funktion in Kapitel 4.2 noch einmal genauer behandelt.

Um noch einige Ausnahmebeispiele anzuführen, möchte ich noch näher auf die Rolle der Hypochondrie eingehen. Diese psychische Krankheit weißt als extreme Besonderheit die Entfernung oder Abtrennung „kranker“ Körperteile mittels diverser Gegenstände auf. Diese Vorgehensweise verschlimmert das Krankheitsbild der Patientin zusätzlich , da die abgetrennten Körperteile nur im Geist der Betroffenen krank sind, aber weder physische Unvollkommenheit noch motorisches Fehlverhalten aufweisen. Dadurch wird um die Aufmerksamkeit der Ärzte oder Nahestehenden gerungen.

Jedoch kann man oft eine grundsätzliche Funktion zur Sicherung des Lebens erkennen, was am oben aufgeführten Beispiel der Selbstverletzung von Soldaten deutlich wird. Hierbei steht das Blut als Symbol für die fortwährende Existenz des Betroffenen.

Im nächsten Kapitel werde ich auf die Funktion der Selbstverletzung im Zusammenhang mit der Borderline - Erkrankung eingehen, denn dies ist die am häufigsten vorkommende Störung, die mit Autoaggressionen in Verbindung gesetzt wird und einen sehr herausragenden Funktionstypus aufweist.

4.1 Stellenwert für Betroffene

„Ich blute also bin ich!“ ist einer der zutreffendsten Sätze, die die Funktion der Selbstverletzung beschreiben. Das Blut zeigt, dass der Körper lebendig ist und die bisher unterdrückte Trauer oder Angst werden zu einem Faden aus roten Bluttropfen. Diese immer wiederkehrende Erkenntnis ist für die Betroffenen positiv, denn „meinen Körper habe ich, er ist immer da, er kann mich nicht verlassen. Wenn das Blut warm und rot über meine Haut rinnt und ich den Kontakt spüre, dann fühle ich mich gut, dann bin ich wieder in mir drin, dann spüre ich, dass ich wieder lebendig bin…“ .

Folglich lassen sich die Betroffenen in zwei mutmaßliche Funktionstypen unterteilen. Auf der einen Seite gibt es die Sorte der Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts mittels Schmerz als wirksames Antidepressivum und Suizidprophylaxe, wobei es zu einer Regulation des Selbstwert- und Identitätsgefühls kommt, was wiederum eine Selbststeuerung des Körpers einleitet. Zusätzlich führt diese Art der Verwundung zur Selbstmedikation des eigenen Körpers gegen Gefühle der Körperspaltung und der seelischen Auflösung. Auf der anderen Seite steht die Funktion der Autoaggression als Kontrolle der Beziehung zur sozialen Wirklichkeit im Vordergrund. Hierbei erfüllt dies eine Flucht vor sozialen Anforderungen. In dieser Funktion kommt auch die Suche nach Wahrnehmung und Anerkennung zum Tragen, denn Selbstverletzungen „haben dem Heidelberger Kinder- und Jugendpsychiater Franz Resch zur Folge immer Appellcharakter: Nehmt mich wahr!“ . Somit wird die Suche nach Zuwendung und Fürsorge, sowie der Drang nach Aufmerksamkeit ein Mittel, um auf eigene Probleme und Gefühle aufmerksam zu machen. „Jeder Schnitt ist ein Schrei nach Liebe.“ . Die Haut dient also als Medium der Meinungs- und Gefühlsäußerung.

Der drückende äußere Schmerz löst den inneren ab, da für die Betroffenen ein kaputter Körper einfacher zu ertragen ist, als jeder seelische Schmerz. „ Mit dem Schneiden will man sich spüren, um nicht fühlen zu müssen, neben sich zu stehen.“ Dadurch bekommt diese Person die Kontrolle über Körper und Seele zurück und fühlt sich nicht mehr zerstückelt und sich selbst fremd. Somit wird durch die Wunde die innere Leere vertrieben und es kommt zu einer Befriedigung des Körpers. Die Gefühle werden erstickt und gleichzeitig übertönt, da sie nur für einen Moment erloschen sind. Durch die Entspannung wirkt das Verhalten als eine Art druckausgleichendes Ventil, weil viele Betroffene verlernt haben ihre Gefühle zu äußern bzw. Aggressionen in gesundem Maße auszuleben.

Als letzte wichtige Funktion möchte ich auf die Bestrafung des eigenen Körpers eingehen. In diesem Fall projizieren die betroffenen jungen Frauen zugefügte Leiden auf sich selbst und geben sich die Schuld daran. Durch die Autoaggression werden nun Gefühle der Verlassenheit, Machtlosigkeit, Angst und Vertrauenslosigkeit überwunden und alle Spannungen beseitigt. Dies ist jedoch zum größten Teil eine Scheinwelt, in der die Personen leben, da kurz darauf die Ausschüttung der Endorphine abnimmt und erneut psychische Spannungen auftreten. So geraten die Betroffenen in einen Teufelskreis, der zur Sucht nach Selbstverletzung führen kann. Im ersten Moment steht dies nicht im Vordergrund, sondern nur der Satz „Blut tut gut!“ , was die eigentliche Aufgabe dieses Verhaltens darstellt.

4.2. Bezüge zu verschiedenen Kulturkreisen

Franz Resch, Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Heidelberg, hat erlebt, dass ganze Mädchenklassen das blutige Ritual der Selbstverletzung zelebrierten. Dies ist in der europäischen Kultur eher selten der Fall, obwohl man noch immer Völker und ganze Regionen vorfindet, in denen solche Rituale durchgeführt werden. So werden in der Kultur der Maya Selbstopfer erbracht, um die Götter gnädig zu stimmen. Dies kommt nur in besonders schweren Notsituationen vor, in denen sich ausgewählte Stammesmitglieder Dornen in die Zunge stechen und das Blut auffangen. Danach wird es verbrannt, wobei der aufsteigende Rauch die Verbindung zur Götterwelt herstellen soll, was aber dem Glauben nach nur gelingen kann, wenn ein Priester mit den Göttern kommuniziert. Auch in Afrika und Asien kam es zu Initiationsriten , bei denen man durch Zähne ziehen, Abschneiden des kleinen Fingers oder das Durchtrennen der Harnröhre einen Schmerz erzeugen wollte, welcher den Trennungsschmerz von den Eltern unterdrücken und damit in die Welt der Erwachsenen einführen sollte. Weiterhin liegt der Sinn des selbstdestruktiven Verhaltens in der Betonung des Geschlechtsunterschiedes. Sehr bekannt ist in diesem Bereich die Form der Beschneidungsrituale, um eine Kontrolle der Sexualität herbeizuführen. Die aufgeführte Prozedur bildet somit eine deutliche Abgrenzung zu der eigentlich krankhaften Autoaggression, da - wie in Kapitel 1.2 erwähnt - ein signifikanter Unterschied in der Normalität der Dinge in den jeweiligen Kulturkreisen besteht. Ein Grund dafür ist, dass in den Stammesritualen die Funktion in der Selbstaufopferung liegt. Sie ist Ausdrucksweise von Mut, Initiation und Trauer, wobei man auch die Selbstverletzung als religiöse Zeremonie nicht unterschätzen sollte. So wird durch die eigene schädigende Tat eine Buße für alle schlechten Gedanken und Handlungen getan, die Seele befreit. Dadurch ist der Schmerz ein Weg, der zu einer höheren Form des Daseins führt.

Eine andere Funktion tritt durch ein Bündnis in Marokko in den Vordergrund. Das Volk der Hamadscha isst während ihrer Tanzrituale spitze Kakteen und trinkt kochendes Wasser. Dies und das Zufügen von Schnittwunden soll die Gesundheit darstellen und vor allem das Ansehen in der Gruppe steigern.

Auch in dem afrikanischen Stamm der Abidji wird das Cutting als Heilungsmethode eingesetzt. Dieses Symbol des Lebens soll in Form einer Wunde das Wohlbefinden des ganzen Volkes stärken und damit die Schmerzen von allen anderen Stammesmitgliedern lindern. Auf diese Weise signalisiert die Selbstverletzung auch die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und das Stärken der Abwehrkräfte im Organismus.

Die logischste, aber auch schwerwiegendste Form liegt im Schönheitsideal der Menschen. Dementsprechend kommt es in vielen Völkern zu einer Verformung des Körpers gegen die natürliche Entwicklung, welche die Schönheit und das Ansehen verbessern. So werden beispielsweise in Ägypten die Köpfe der Frauen und in China die Füße verformt. In Afrika sind Hautnarben als Schmuck angesehen. Auch hierbei steht, wie in der europäischen Kultur, vor allem die Frau im Vordergrund. Jedoch sind die Funktionen nicht miteinander vergleichbar, da sie ein völlig anderes Ziel anstreben.

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