„Schmerz, der nicht spricht, bricht das Herz und macht es brechen.“(Shakespeare)
Impressum | Kontakt |

Der Drang sich selbst zu spüren - Selbstverletzendes Verhalten bei jungen Frauen


5. Konsequenzen für Betroffene und deren Makromilieu

Jegliche Art des Handelns zieht Konsequenzen nach sich. Kommt es zu einer Selbstverletzung, so sind diese oft sehr weitreichend und ambivalent, stehen im Gegensatz zueinander und lassen sich unter vielen Gesichtspunkten betrachten. Welche physischen und psychischen Folgen ergeben sich? Welche Wirkung hat das Verhalten auf die betroffene Person, aber auch auf Familie, Freunde, medizinisches und psychotherapeutisches Fachpersonal und die Gesellschaft generell? Folgen nur negative Erscheinungen auf eine Selbstverletzung oder hat diese auch positive Aspekte?

Paradoxerweise ist das Verletzen der eigenen Haut zunächst einmal Selbstschutz, welcher jedoch schwerwiegende Schäden nach sich zieht. Im ersten Moment allerdings dient dieses Verhalten sozusagen der Suizidprophylaxe und verhindert gewissermaßen Schlimmeres. Die Patienten wollen sich selbst wieder spüren und „erleben“ sich durch das Schneiden in die eigene Haut. Innere Spannungen, die sonst unerträglich wären, können so zum Ausdruck gebracht und abgebaut werden. Sicher ist diese Art und Weise des Spannungsabbaus für viele Menschen unverständlich, da sie eine massive Schädigung und Verstümmelung des Körpers darstellt. Aus diesem Grund ergeben sich oft Konflikte für die Betroffene – zum einen mit der eigenen Person, aber auch auf der zwischenmenschlichen Ebene. Diese Konflikte, welche vorrangig Gefühle wie Schuld, Scham, Wut, Hilflosigkeit, Angst; Ekel und Unverständnis umfassen, führen dazu, dass sich der Teufelskreis Selbstverletzung verdichtet. Die sich selbst verletzende junge Frau fühlt sich auf Grund der Reaktionen Verwandter oder Außenstehender schlecht, minderwertig oder empfindet sich gar als abartig. Daraus resultiert häufig eine erneute Selbstschädigung, welche wiederum die oben genannten Emotionen auslöst.

Um diesen Kreis zu unterbrechen, ist therapeutische Hilfe zwingend notwendig – nicht nur für die Betroffene selbst, sondern auch für familiäre Bezugspersonen. Auch sie sind von einer Selbstverletzung, wenn auch nur indirekt, betroffen und der Umgang mit der Patientin wird für Eltern und weitere Angehörige oft schwer. Ein wichtiger Punkt ist meiner Meinung nach auch die Aufklärung der Gesellschaft generell über das Thema. Auf Grund geringer Informationen ist Selbstverletzung für viele ein Fremdwort und Tabu.

5.1 Folgen für die eigene Person

„Die Narben werden mich immer daran erinnern...“ Dies sagte eine Betroffene im Laufe eines Gesprächs zu mir und sprach damit eine der offensichtlichsten Folgen an. Die Wunden, die eine Selbstverletzung nach sich zieht, sind oft tiefe, z.T. schwerwiegende und mitunter auch lebensgefährliche Schnittverletzungen, Verbrennungen oder gar Verätzungen der eigenen Haut, welche durchaus auch einer medizinischen Behandlung bedürfen. Das Leben gefährdende Verstümmelungen passieren eher selten und unbewusst, d.h. nicht intentional. Die Betroffenen befinden sich kurz vor der selbstverletzenden Handlung in einer Art Trance, die als Dissoziation bezeichnet wird. Die jungen Frauen stehen regelrecht neben sich und spüren sich nicht mehr. Einen Ausweg aus dem dissoziativen Zustand finden die Betroffenen, indem sie sich selbst schweren Schaden zufügen. In den meisten Fällen haben das Blut und der Schmerz eine beruhigende Wirkung, denn es zeigt, dass sie noch leben.

Mediziner gehen darüber hinaus davon aus, dass durch die Verletzung bei den Betroffenen Endorphine (Glückshormone) freigesetzt werden, welche „kurzzeitige entspannte, rauschartige, euphorische Zustände“ hervorrufen. Der seelische Schmerz wird gelindert und reguliert, das bedeutet, die Patientinnen erlangen durch die Zufügung physischer Schmerzen wieder Kontrolle über ihre Emotionen. Weiterhin findet die enorm hohe innere Anspannung ein Ventil, kann abgebaut werden. Dies ist mehr oder weniger der positive Effekt einer Selbstverletzung, welcher schlussendlich dazu führt, dass die Betroffenen sich in einem endlosen Kreislauf bewegen, der nur schwer zu unterbrechen ist.

Zunächst bedeutet die Selbstverletzung die Erfahrung eines guten, euphorischen Gefühls und Zufriedenheit sowie die Reduktion von internem Druck, den man selbst bewältigen konnte. Doch gleichzeitig entsteht das Gefühl von Scham, Narben werden nicht offen gezeigt und versteckt, Ausreden für die Ursache bzw. Entstehung der Wunden gesucht. Das Selbstbild von Selbstverletzerinnen und ihre Wahrnehmung ist ähnlich wie bei Magersüchtigen verzerrt. Sie halten sich auf Grund ihres Verhaltens für verrückt, sehen sich als Außenseiter und werten sich selbst ab, glauben, dass sie nutzlos sind, zu nichts im Stande und es nicht verdienen, Liebe zu erfahren oder liebenswürdig zu sein. Dieses Denken wird durch weitere Selbstschädigungen verstärkt, denn Selbstverletzendes Verhalten gilt als abnormal und ruft häufig negative Reaktionen im Umfeld hervor (siehe 5.2). Das kann ein erneutes Gefühlschaos fördern und die Betroffene in ihrer selbstabwertenden Einschätzung bestätigen. Die Gefühle finden durch Worte keinen Ausdruck und so stellt die Selbstverletzung die scheinbar einzige adäquate Lösung aus dem inneren Chaos dar. So verselbstständigt sich das Verhalten und wird zur Gewohnheit. Das bedeutet gleichzeitig, dass es für die Patientinnen immer schwieriger wird, sich mitzuteilen, über Probleme zu reden. Sie isolieren sich von ihrer Umgebung, da sie glauben, nicht verstanden zu werden und ihr Selbstbild wie oben beschrieben objektiv falsch ist. Die Betroffene M. schilderte uns in einem Interview, dass sie selbst manchmal nicht verstehe, was sie sich antut. Um dies verstehen zu können mit allen Ursachen, Hintergründen und Funktionen ist eine Therapie hilfreich und oft absolut notwenig. Sie soll auch dazu dienen, aus dem Teufelskreis auszubrechen und andere gefühlsregulierende Mechanismen zu erlernen. Aber auch die Selbstwahrnehmung sowie die Kommunikationsfähigkeit sollen verbessert werden.

Für betroffene Mädchen und Frauen gestaltet es sich oft als schwierig, wieder in ein „normales“ Leben zurückzufinden und über Probleme zu sprechen, Vertrauen zu anderen aufzubauen. Durch das Selbstverletzende Verhalten haben sie gelernt, Fassaden zu errichten, niemanden zu nahe an sich heranzulassen, aber auch Masken aufzusetzen und Fröhlichkeit nur vorzutäuschen, um so „normal“ wie möglich zu erscheinen.

Die psychische Stabilität sich selbstverletzender Frauen wird nie hundertprozentig sein und Rückfälle sind nicht auszuschließen. Das mangelnde Selbstwertgefühl ist oft ebenso bleibend wie die Narben (Siehe Anhang S. I), welche immer wieder zu Fragen von Außenstehenden führen werden.

Darüber hinaus kann der Hinweis auf einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in einem Bewerbungsschreiben dazu führen, dass die Chancen im Berufsleben sinken.

5.2 Auswirkungen auf das Umfeld

Natürlich hat eine Selbstverletzung in erster Linie Auswirkungen auf die betroffene Person. Doch auch das Umfeld wird durch eine Selbstschädigung massiv tangiert. Für die Familie einer jungen Frau, welche sich selbst verletzt, ist dieses Verhalten oft sehr bewegend und aufwühlend. Es löst Hilflosigkeit, Angst und Schuldgefühle aus, führt aber auch zur Empfindung von Wut, Ekel und Enttäuschung. Die Eltern wollen oft nicht wahrhaben, dass ihr Kind sich selbst vorsätzlich schädigt und sind enttäuscht, dass es diesen Weg der Problembewältigung sucht. Häufig kommen Fragen wie: „Warum hast du nicht mit uns geredet?“ oder „Wieso tust du uns das an?“ auf. Das die Ursachen für Autoaggressionen oft in der Familie liegen, will diese nicht wahrhaben. Eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Problematik bedeutet für die Angehörigen in manchen Fällen auch die Konfrontation mit Problemen in der Kommunikation oder gar mit Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch.

Mitunter sehen die Eltern die Selbstschädigung als Auflehnung und Akt gegen die Familie. Oder aber sie deklarieren die Selbstverletzung als Handlung um Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erlangen. Tatsächlich ist dies ein unbewusstes Ziel der Betroffenen, doch ist die Thematik Selbstverletzung viel komplexer und keineswegs bloßer Wunsch nach Aufmerksamkeit.

Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass Selbstverletzerinnen bei vielen Menschen auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Das Verhalten wird als falsch und gesundheitsschädigend gesehen. Für psychisch gesunde Menschen ist es absolut unverständlich, wie man sich freiwillig Schmerzen zufügen kann. Schmerz wird i.d.R. als unangenehm empfunden. Verletzt man sich versehentlich, so werden Schmerzsignale ans Gehirn gesendet, um weiteren Schaden abzuwehren. Doch Selbstverletzerinnen suchen eben diesen Schmerz, um ihre seelischen Qualen nicht mehr spüren zu müssen. Dieser Fakt führt dazu, dass viele Leute selbstverletzende Handlungen ablehnen und die Betroffen als „verrückt“ abstempeln. Meines Erachtens könnte diese Barriere durch mehr Aufklärung zumindest minimiert werden. Denn Selbstverletzung macht im ersten Moment Angst, weil zu wenig Wissen über das Problem vorhanden ist. Viele Menschen meiden das Unbekannte und natürlich fällt es schwer, damit umzugehen. Doch setzt man sich intensiv mit dem Thema auseinander, hilft man meiner Meinung nach den Betroffenen und erleichtert sich selbst den Umgang mit eben diesen.

Für Eltern ist es ratsam, in die Therapie integriert zu werden und selbst professionelle Hilfe anzunehmen. Es ist ein schwieriger Weg, doch ist er hilfreich und oft auch wirksam, trägt zur Verbesserung des Familienklimas bei.

Leider gibt es aber auch im Bereich des medizinischen und psychologischen Fachpersonals noch zu wenig Aufklärung über diese Störung. So scheuen sich einige Therapeuten vor der Behandlung sich selbst verletzender Menschen auf Grund von mangelnder Erfahrung aber auch aus Angst, Fehler in der Therapie zu machen. Auch einige der Mediziner, welche wir interviewten, gaben an zu wenig Erfahrung mit diesem Krankheitsbild zu haben bzw. ging dies aus ihren Äußerungen hervor.

Top

© 2005 by ACA mail@webmaster