Der Drang sich selbst zu spüren - Selbstverletzendes Verhalten bei jungen Frauen
7. Auswertung der Interviews
Um mit den Betroffenen näher in Kontakt zu treten und weitere Erfahrungen und Eindrücke über diese Thematik zu
erhalten, entschlossen wir uns nach kurzzeitiger Diskussion für die Erstellung eines Interviews (Siehe Anhang
S. III – XXIV). Die Vorteile, welche sich letzten Endes auch bestätigt haben, sehen wir in dem tiefgründigen
Gespräch, welches sich auf der Basis des aktiven Interviews bei fast allen befragten Personen positiv entwickelte.
Dies verhalf uns dazu, weitere tiefgründige Fragen und weit reichende Behandlungen mit den Betroffenen und Ärzten
zur Selbstverletzung zu klären und zu verinnerlichen.
Anfangs wollten wir die Befragung in der Schule und der Stadt Apolda bzw. Erfurt durchführen. Das wurde jedoch
verworfen, da die Beeinflussung durch die Schülerinnen untereinander zu groß gewesen wäre und in der Stadt ein
offenes Gespräch mit kurzen prägnanten Fragen zu diesem Thema schlecht zu realisieren war.
Wir befanden es daher als besser, auf der Grundlage eines persönlichen Gesprächs mit Betroffenen in Kontakt zu
treten. Das hatte zwar den Nachteil, dass nach den Gesprächen wenig statistische Daten entstanden, jedoch bot
es die Möglichkeit, unserem Wunsch nach tieferen Einblicken und persönlichen Erfahrungsberichten gerecht zu werden.
Weiterhin konnten wir uns somit sicher sein, dass die Antworten der befragten Personen zu einem höheren Grad
der Wahrheit entsprechen und unbeeinflusst abgegeben wurden. Infolgedessen erfuhren wir bei einigen Interviews
sehr interessante Details, die allein durch einen Fragebogen wahrscheinlich nie zum Vorschein gekommen wären.
Um alle Informationen aus den Interviews festhalten zu können, teilten wir die Aufgaben während der Gespräche.
Anne Krumbholz und Cornelia Hankel stellten die Fragen und ich schrieb im Protokoll den Verlauf und die Ergebnisse
mit. Als hilfreich erhofften wir uns die Aufnahme des Gesprächs auf ein Diktiergerät, was sich später auch
bestätigte, da der Redefluss unterschiedlich schnell war und ich damit auch nicht immer alle wichtigen Fakten
festhalten konnte. Die Interviews an sich machten wir vor Ort in den Praxen der Ärzte. Bei den Betroffenen
jedoch erwies sich ein Gespräch als Hindernis auf Grund einer zu großen Entfernung. Damit entschieden wir uns
für das Schicken der Interviews per Post sowie ein Treffen in der Bergschule Apolda als zentralen Anlaufpunkt,
sofern die Betroffene in der Umgebung wohnt. Dadurch hatten wir das Ziel möglichst viele Ansichten von jungen
Frauen mit Autoaggressionen zu erhalten. Wie sich später herausstellte, war dies jedoch schwieriger als vermutet.
Eine Antwort auf den Brief bekamen wir nur von der Betroffenen M. und das Gespräch konnten wir ebenfalls nur mit
einer Person durchführen, trotzdem wir anfangs bei allen auf eine positive Resonanz gestoßen sind. Deshalb waren
dies jedoch keine verlorenen Informationen, weil wir dadurch erkannten, wie labil solche Persönlichkeiten doch
sind. So hatten wir z.B. anfangs einen Termin mit einer jungen Frau ausgemacht, welche später, trotz Rückrufen,
nicht zum Interview erschienen ist.
Zu sehr unterschiedlichen Reaktionen kam es auch unter den Ärzten. Grundsätzlich waren alle bereit bei einer
Befragung zum Thema Selbstverletzung mitzuwirken. Trotz allem mussten wir allerdings feststellen, dass es auch
Mediziner gibt, die vorgeben mit der Thematik vertraut zu sein, letzten Endes aber nur sehr allgemeine Angaben
machten. Im Gegensatz dazu bekamen wir von den meisten sehr hilfreiche und auch aussagekräftige Fakten geliefert,
welche wir durch die Arbeit an den Quellen noch nicht erfahren hatten.
Um auf diese Dinge näher eingehen zu können, werde ich in den nachfolgenden Kapiteln über den genauen Aufbau und
die damit verbundenen Ziele schreiben. Als nächstes folgt die die Auseinandersetzung mit den Resultaten, welche
oftmals gegen unsere Erwartungen standen.
7.1 Ziele und Aufbau des Interviews
Die Befragung wurde nach den verschiedenen Aspekten und Personen distanziert erarbeitet, wobei wir drei Gruppen
der Befragten unterschieden. Als erstes entwickelten wir ein Interview für Hausärzte unserer Umgebung. Dies hat
den Grund, dass wir versuchen wollten, die Haltung der Allgemeinmediziner denen der Betroffenen gegenüber zu
stellen, um den Umgang mit autoaggressiven Menschen deutlich zu machen. So hatten wir das Ziel die deutliche
Ablehnung der Selbstverletzung als Tabuthema dem Leser darzulegen.
Aus eigener Erfahrung und Berichten von Betroffenen wussten wir schon, welche Reaktionen dieses Thema bei
Außenstehenden auslöst. Ablehnung erwarteten wir auf der Basis von Darlegungen durch Bekannte auch von den
zuständigen Ärzten. Aufgrund dessen wurde ein Teil unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Grundhaltung
verfasst. Dieser beinhaltet Fragen nach dem praktischen Umgang mit Betroffenen, die Einschätzung der persönlichen
Grundhaltung gegenüber selbstverletzenden jungen Frauen und die Reaktion der Ärzte auf den ersten Fall dieser
Art. Im weiteren Verlauf werden auch Thematiken wie Weiterbildungsmöglichkeiten und Therapien für Betroffene
angesprochen. Damit wollten wir hinterfragen, welche Mittel man den Patienten zur Verfügung stellen kann.
Den Einstieg in die Interviews versuchten wir allerdings mit Hilfe von persönlichen Fragen nach Ausbildung
und Studium sowie eigenen Beurteilungen über die Entwicklung, das meist betroffene Geschlecht und die Häufung
der Selbstverletzung in bestimmten Altersbereichen zu finden.
Um die Ergebnisse dieser Befragung auch mit den Resultaten der Betroffenen ins Verhältnis setzen zu können,
übernahmen wir die Frageninhalte auch in die Interviews der sich selbst verletzenden jungen Frauen. Weiterhin
fügten wir Fragen zum Akt der Selbstverletzung hinzu. Außerdem bekamen wir Informationen über die Gründe, das
erste Auftreten, die Art und den Verlauf der Handlung. Damit hatten wir das Ziel uns besser in die Beweggründe
und Gedanken der Betroffenen hinein versetzen zu können. Schließlich haben wir auch über die Beziehung zu Ärzten,
die Reaktion Außenstehender und den Nutzen der Therapie für die Patienten gesprochen, wodurch wir uns ebenfalls
erhofften einige Angaben für die Arbeit insgesamt zu bekommen.
7.2 Auseinandersetzung mit den Ergebnissen
Zu Anfang der Interviews befanden wir es als wichtig, unsere eigene Vorstellung von der Beantwortung der Fragen
in einer Hypothese festzuhalten. So ließen wir uns, bis auf die persönlichen Probleme, das Gespräch noch einmal
durch den Kopf gehen. Beginnend bei der Ausbildung und dem Studium, waren wir der Ansicht, dass es keine
ausreichenden Informationen gab, was uns auch von den Ärzten bestätigt wurde. So seien nach der Ärztin S. „kaum
bis gar keine Angaben“ im Medizinstudium dazu besprochen wurden. Bei der Frage nach dem vorrangig Betroffenen
Geschlecht waren wir uns alle einig, dass mehr Frauen sich selbst verletzen und die Altersgruppe im Bereich von
14 – 25 Jahren verstärkt auf dieses Verhalten zurückgreift. Weiterhin gab es eine zunehmende Häufung im Praxisalltag,
wobei die Tendenz in der Zukunft, den Ärzten nach, auf einen fortlaufenden Anstieg deutet. Da diese Störung in der
Klinik bis zu einmal pro Woche auftritt, ist es zum Alltag der Therapeuten geworden, mit den Betroffenen umzugehen.
Auch bei den Allgemeinmedizinern ist inzwischen soviel Wissen über die fast gänzlich unerforschte Krankheit
vorhanden, dass sie dieses Handeln nachvollziehen können und versuchen, sich in die betreffenden Personen
hineinzuversetzen. Verstehen können sie es aber, wie schon vorausgesehen, nicht und es wird wahrscheinlich auch
nie jemand begreifen können, der nicht davon betroffen ist. Oft geht es sogar so weit, dass Außenstehende Schockieren,
Unverständnis und Abneigung gegenüber der Betroffenen zeigen. Das ist jedoch nicht der Regelfall. Dies bestätigte
auch die Ärztin M., welche erzählte, dass es sehr oft auch eine positive Resonanz geben würde. Auch in den
nachfolgenden Fragen stimmten die Gedanken der Doktoren mit unsrer Hypothese überein. Wir haben damit herausgefunden,
dass Ärzte oftmals nur von Außenstehenden, wie z.B. den Eltern der Betroffenen, auf die Problematik angesprochen und
um Hilfe gebeten werden. Ist dies nicht der Fall, macht der zuständige Mediziner den ersten Schritt und geht auf Grund
von auffälligen Symptomen, wie Narben und Verbrennungen, auf die Betroffene zu. Im weiteren Verlauf erfuhren wir vor
allem im Gespräch mit Klinikpersonal einiges über die Behandlung durch verschiedene Therapieformen, welche im Kapitel
8. ausführlich beschrieben werden, und die Handhabung mit der Nachbetreuung von Patientinnen mit selbstverletzendem
Verhalten. Dabei erfuhren wir, wie schon erwartet, dass keine reguläre Nachbetreuung stattfindet und auch die
weitere Behandlung in einer ambulanten Psychotherapie erst nach langen Wartezeiten fortgesetzt werden kann.
Im Übrigen waren wir davon überzeugt, dass nicht genug Weiterbildungsmöglichkeiten für das Ärztepersonal vorhanden
sind. In diesem Punkt widersprachen uns aber alle Befragten, in dem sie uns erklärten, es gäbe sehr oft Seminare zur
Thematik der Autoaggression und man hätte die Möglichkeit, sich mit Hilfe von Büchern und dem Internet Informationen
zu besorgen. Weiterhin bestätigten sie uns, dass es sehr oft zu einem Austausch zwischen den Medizinern kommt und damit
auch die Selbstverletzungsproblematik immer wieder besprochen und diskutiert wird. Auf diese Weise fanden wir heraus,
dass unsere Vermutungen fast in jedem Punkt mit den Aussagen der Ärzte überein stimmten. Jedoch haben wir im Folgenden
auch die Ansichtsweisen und Umgangsformen mit den Berichten der Betroffenen M. und der autoaggressiven S. verglichen.
Hierbei viel uns auf, dass diese in vielen Punkten den Aussagen der Ärzte und unseren Vermutungen entgegenstehen.
Ein Beispiel hierfür ist die Aussage der Betroffenen S., welche sagte, dass beim ersten Kontakt zu einem Arzt vor
allem Verständnis vorherrschte und die Ärzte ihr Verhalten aber nicht nachvollziehen könnten, da sie es selbst nicht
verstehe. Außerdem, so sagte sie, habe sie auch jedes Mal eine andere Ausrede, was ihr passiert sei. Dies wurde uns
auch durch das zugeschickte Interview von M. bestätigt. Sie erzählte darin, dass sie anfangs alles verheimlicht habe,
inzwischen aber offen mit ihren Narben umgehe. Weiterhin berichtete M. das Gegenteil von dem, was wir bisher über den
ersten Kontakt zu einem Arzt erfahren haben. Sie sprach davon, dass sie sehr misstrauisch war und nicht etwa der Arzt
Abneigung zeigte. Unerwartet erfuhren wir, dass dieser interessiert und ehrlich nachgefragt habe und sie bisher nur bei
einem Arzt auf unterschwellige Aggressionen gestoßen sei. Zusätzlich waren wir erstaunt darüber, etwas über eine
nachpsychiatrische Betreuung in einer speziellen Einrichtung zu erfahren, da wir bisher nur negatives im Bezug auf
eine Nachbehandlung gehört hatten.
Ebenso wurden wir mit vielen persönlichen Dingen der Betroffenen konfrontiert, was uns verhalf auch die Gefühle und
Gedanken ein wenig besser zu verstehen und uns ein bisschen mehr in ihr Lage hineinversetzen zu können. So sagt die
autoaggressive M.: „Ich denke SV ist ein Teil von mir und jede Narbe hat ihre eigene Geschichte. Ich schäme mich
meiner Narben nicht, wobei ich doch manchmal Angst habe. Vor mir und der SV. Habe Angst die Kontrolle zu verlieren.
So manches Mal war ich erstaunt über die Größe und Wucht meiner Gefühle.“
Damit bekamen wir noch viele zusätzliche Informationen zu unserem Thema und konnten auch unsere Ziele der Befragung
verwirklich.
|