Der Drang sich selbst zu spüren - Selbstverletzendes Verhalten bei jungen Frauen
8. Therapie von Selbstverletzendem Verhaltenv
Mitunter schaffen es betroffene Mädchen und Frauen auch ohne therapeutische Maßnahmen ihre selbstverletzenden
Verhaltensweisen einzustellen. Dies ist aber eher selten. Die meisten Selbstverletzerinnen benötigen eine umfassende
und langwierige therapeutische Betreuung um die Autoaggressionen zu reduzieren oder im besten Falle gar zu stoppen.
Grundvoraussetzung für eine Therapie ist jedoch der Wille der Patientin zu eben dieser. Sie muss erkennen, dass sie
ein Problem hat und muss den Wunsch nach Veränderung hegen. Ohne dies macht ein therapeutischer Schritt nur wenig
Sinn, da die Patientinnen dann oft gegen den Therapeuten agieren und die Behandlung z.B. durch das Nicht-Einhalten
von Sitzungen oder Vereinbarungen manipulieren. Ebenso wichtig ist die Wahl eines geeigneten Psychotherapeuten. Hat
die Betroffene das Gefühl, diesem nicht vertrauen zu können, macht eine Therapie auch keinen Sinn, da eine sichere,
stabile und vertrauensvolle Beziehung zum Therapeuten die zweite wichtige Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche
Behandlung ist. An den Psychotherapeuten selbst werden hohe Anforderungen gestellt: er muss u.a. verschiedene
Therapieformen zur Anwendung bringen, traumatische Belastungen verarbeiten helfen, Kommunikations- und
Ausdrucksschwierigkeiten überwinden versuchen, positive Veränderungen im Verhalten der Klientin fördern; Ruhe,
Verständnis und Empathie bewahren und ebenso versuchen, seine eigenen Gefühle, Gedanken und Empfindungen zurückstecken
. Nahezu alles geschieht zum Wohle der Patientin, das Selbstwertgefühl der Betroffenen soll verbessert und gestärkt
werden und ihr Umgang mit Gefühlen soll verändert werden, sie soll neue Methoden der Krisenbewältigung erlernen
und erproben. Aggressionen sollen nach Möglichkeit nicht gegen die eigene Person gerichtet werden, sondern in sozial
tragbarer Weise nach außen gewandt werden. Hierzu wird nach kognitiven Verhaltensstrategien gesucht, welche eine
Selbstverletzung hinauszögern oder nicht schädigend für die betroffene Frau sind. Solche Ersatzhandlungen können
beispielsweise sein: Klavier spielen, Gedichte/ Tagebücher schreiben, sportlich aktiv werden, ein Bad nehmen oder
einen Eiswürfel auf die Haut pressen (dies erzeugt einen starken Schmerzreiz, welcher jedoch keine destruktiven
Auswirkungen hat). Die Wahrnehmung von negativen Gefühlen und der Umgang mit selbigen stehen also im Vordergrund.
Gefühle sollten jedoch nicht bewertet werden, denn dies kann wieder zum Empfinden von Selbsthass führen. Weiterhin
soll sich die Betroffene im normalen Umgang mit Gefühlen üben, diese dürfen nicht die Oberhand gewinnen. Hierzu sind
Ablenkungsmaßnahmen und Ersatzhandlungen sehr hilfreich. Hat die Betroffene diesen Punkt erreicht und ist in der
Lage, für sie geeignete Ablenkungsstrategien anzuwenden, sollte nach Möglichkeit das Gespräch mit Freunden, Familie
oder dem Konfliktgegner gesucht werden, um die Streitsituation und damit einhergehende Emotionen und Empfindungen
zu klären.
Des Weiteren werden während einer therapeutischen Behandlung die Ursachen und Hintergründe betrachtet, welche das
Selbstschädigende Veralten auslösten. Auch die jeweilige spezielle Funktion einer Selbstverletzung wird analysiert-
War sie Ausdruck von Wut bzw. Frust? Diente sie der Spannungsreduktion, Entlastung, Bestrafung oder Kontrolle? Sind
die Ursachen und Funktionen deutlich, kann man sich weiter in den oben genannten Fertigkeiten zur Ablenkung üben und
die für sich stimmigste Methode finden. Die Krisenbewältigung ist natürlich nicht einfach und es kostet viel Kraft
und Willen, um die alten Veraltensmuster aufzugeben und eine gewisse psychische Stabilität zu erreichen. I. d. R.
werden im Laufe der Therapie kleine Zwischenziele gesteckt, da dies zu schnelleren kleinen Erfolgen und positiven
Erfahrungen führt. Und das Erleben von kleinen Erfolgserlebnissen trägt dazu bei, dass das Selbstvertrauen und die
Hoffnung aus dem Teufelskreislauf auszubrechen wachsen.
Therapeutische Gemeinschaftsarbeit von einer Betroffenen, einem magersüchtigen Mädchen
und der Therapeutin
8.1 Psychisches Profil der Betroffenen
Um mit einem Menschen, der sich selbst verletzt, therapeutisch arbeiten zu können, muss man sehr genau betraut sein
mit dem psychischen Profil der Betroffenen. Was geht in einem Menschen vor, der sich selbst schädigt und Schmerzen
zufügt? Welche Ursachen liegen diesem Verhalten zugrunde? Wie labil ist die zu Behandelnde?
Natürlich kann man die Merkmale, welche ich im Folgenden noch einmal in komprimierter Form darlegen will, nicht allen
Selbstverletzerinnen zuschreiben. Auch treffen jeweils nur vereinzelte charakteristische Eigenschaften auf eine
Betroffene zu, da die Ursachen und Hintergründe stets sehr unterschiedlich und komplex sind.
Typisch jedoch für nahezu alle Patientinnen ist das extrem geringe Selbstwertgefühl, welches sich bis in einen tiefen
Selbsthass steigern kann. Die Betroffenen werten sich selbst ab; denken, sie sind es nicht wert geliebt zu werden
und machen sich oft für viele Dinge verantwortlich. Tritt zum Beispiel ein Problem auf oder geraten sie in Konflikte
mit anderen, so suchen sie die Schuld bei der eigenen Person. Daher versuchen die Betroffenen, jeglichem Ärger aus
dem Weg zu gehen aber auch sich möglichst überall anzupassen, nicht aufzufallen. Therapeutisches Ziel in diesem
Zusammenhang ist die Selbstwertstabilisierung.
Die einzige Möglichkeit der Problemlösung stellt für Ritzerinnen die Selbstverletzung dar. Darüber sind sie sehr
verzweifelt, sehen keinen anderen Ausweg. Sie verletzen sich nicht gern, doch auf andere Weise können sie nicht
mit negativen Gefühlen umgehen. In gewisser Weise ist die Selbstverletzung eine Art Überlebensstrategie, denn sie
hilft den Patientinnen, wieder ruhiger zu werden und Druck abzubauen. Könnten sie dies nicht, so wäre wohl ihr
letzter Ausweg aus ihrer Hilflosigkeit und Niedergeschlagenheit ein Suizid (-versuch). Therapeutisches Ziel vor
diesem Hintergrund sind alternative Handlungen mit gleichem Gewinn.
In den Familien der jungen Patientinnen beherrschen oft „Gleichgültigkeit, Kälte, Nebeneinanderherleben“ den
Alltag. Selbstverletzerinnen sehen sich häufig als Außenseiter und sind der Meinung, dass keiner sie versteht
und ernst nimmt. Für betroffene Mädchen und Frauen scheint es, als könnten sie sich niemandem anvertrauen und sich
auf niemanden verlassen. Dies hängt mit eventuell gemachten Erfahrungen in Kindheit und Jugend zusammen.
Wachsen Kinder in einem Mangelmilieu auf, d.h. sie werden vernachlässigt, oder es kommt zu Misshandlungen oder gar
(sexuellem) Missbrauch, so lernen sie den eigenständigen Umgang mit Gefühlen, sind viel mehr gezwungen, mit ihren
Problemen selbst zurecht zukommen. Mitunter mussten die Mädchen für ihre Eltern oder Geschwister Verantwortung tragen,
weil diese mit der Familiensituation überfordert waren oder z.B. ein Alkoholproblem hatten. Diese frühzeitige
Erzieherrolle führt dazu, dass sie ihre eigenen Gefühle zurücksteckten, sie nicht wahrnahmen und schneller erwachsen
werden mussten.
Die meisten Menschen wenden ihre Gefühle und Aggressionen verbal oder durch Aktionen nach außen. Selbstverletzerinnen
allerdings fressen ihre Gefühle regelrecht in sich hinein und leben sie schlussendlich an ihrem eigenen Körper aus.
Dieser wird zuweilen als schmutzig und abstoßend empfunden, besonders wenn die Betroffene Opfer sexuellen Missbrauchs
wurde.
Weiterhin sind sich selbst verletzende Mädchen und Frauen geprägt von starker Emotionalität sowie impulsiven Reaktionen.
Sie wollen ihre Notlage verdeutlichen, die Selbstverletzung ist ein stummer Hilfeschrei. Das Erlernen sozialer
Fertigkeiten der angemessenen Problemlösung und rechtzeitige Impulskontrolle sind weitere Therapieziele.
Typisch ist neben dem Gefühlschaos auch das Gefühl von innerer Leere, vor allem für so genannte Cutterinnen. Für
jene ist das Ritzen eine stabilisierende Stütze und zeigt ihnen, dass sie noch leben. Die Verletzung mit der
Rasierklinge holt sie für einen kurzen Moment aus der Depression. Kurzzeitig wird ein Gefühl von Stärke und
Kontrolle erreicht, denn Selbstverletzerinnen sehen sich für gewöhnlich als klein, schwach und unfähig. Durch
ihr selbstschädigendes Verhalten, aber auch die Unfähigkeit über intensive Gefühle zu reden, fühlen sich die
betroffen Mädchen oft allein. Sie isolieren sich von ihrer Umwelt, aus Angst, von dieser für ihr Verhalten
verurteilt zu werden. Schuld- und Schamgefühle werden so oft stärker. Den therapeutischen Ausweg stellt die
Förderung von Gruppenerleben und –gefühl.
Betroffene erlangen durch die Selbstverletzungen eine Art „Pseudokontrolle“. Sie nehmen anderen die Macht, sie
in irgendeiner Art und Weise zu berühren oder gar zu verletzen. Unter Selbstverletzern oft gebraucht ist der
nachfolgende Spruch: „Ihr könnt mich nicht mehr verletzen, ich hab’s schon selbst getan.“ Durch ihre Selbstschädigung
verhindern sie sozusagen, dass andere ihnen etwas antun, vor dem sie Angst haben. So kontrollieren sie scheinbar sich
und ihre Umgebung.
8.1.1 Formen der Therapie
Es gibt zahlreiche Arten des Therapierens. Dies liegt begründet in den verschiedenen Theoriebildungen über Selbstverletzendes Verhalten. Nach Siegmund Freud und dessen psychoanalytischem Modell ist die Ursache für Autoaggressionen in einer speziellen Entwicklungsstörung vor dem zweiten Lebensjahr zu finden. Konflikte geschahen in der Kindheit unbewusst und manifestieren sich durch Selbstschädigungen erst nach vielen Jahren im Jugend- oder Erwachsenenalter. Aus diesem Ansatz wurden psychoanalytisch-orientierte und tiefenpsychologische Therapieverfahren entwickelt, die sich vor allem darauf konzentrieren, unbewusste Gefühle und Konflikte bewusst zu machen und diese zu lösen bzw. zu bearbeiten. Häufig findet hier das so genannte Psychodrama Anwendung. Dies ist eine Rollenspieltechnik, welche in der Gruppe oder aber auch in vereinfachter Form (als Rollentausch) in der Einzeltherapie praktiziert wird. Zunächst wird ein zu bearbeitendes Thema festgelegt. Eine mögliche Thematik könnte z.B. ein Streitgespräch mit den Eltern sein, in welchem es der Betroffenen an Durchsetzungsvermögen und Ausdrucksmöglichkeiten der eigenen Vorstellungen mangelte. Die Patientin und die anderen Teilnehmer der Gruppensitzung schlüpfen dann in die verschiedenen Rollen und versuchen, die jeweilige Situation so genau wie möglich nachzuspielen. Der Protagonistin, also der Betroffenen, sollen somit ihre unbewussten Gefühle und Gedanken vor Augen geführt werden. Auf der „Bühne“ werden alle Emotionen ausgelebt, auch solche, welche die Betroffene in der realen Situation niemals ausgesprochen hätte. Alternatives Denken und Handeln wird erarbeitet und erprobt. So wird ihre emotionale Befindlichkeit aktualisiert und sie kann sich im Umgang mit ihren (unbewussten) Empfindungen üben. Durch einfaches Nachdenken finden die Patientinnen oft keinen Zugang zu dem, was unterbewusst in ihnen geschieht. Hier kann es erfahren und erkannt werden. Das Ziel der psychoanalytisch-orientierten Therapie ist es, jene Konflikte zu be- und verarbeiten, die bis dahin selbstverletzend reguliert wurden.
Im Gegensatz dazu werden in der Verhaltenstherapie weniger die Ursachen der Störung bearbeitet, sondern es wird
vordergründig die Bewältigung von problematischen Verhaltensweisen erprobt. Diese Therapieform zielt darauf ab,
andere, nicht schädigende Handlungen anzuwenden. Dies kann möglicherweise durch das Setzen kongruenter Schmerzreize
geschehen (durch Eiswürfel auf der Haut oder kleinen spitzen Steinchen im Schuh). Erfolge sollen nach der
verhaltenstherapeutischen Theorie belohnt werden, denn dieser Erklärungsansatz geht davon aus, dass Verhaltensweisen,
die einen positiven Effekt zur Folge haben, wiederholt werden.
Eine weitere Möglichkeit ist neben der ambulanten Therapie ein stationärer Aufenthalt in einer psychotherapeutischen
Klinik. Diese Behandlungsform ist vor allem dann sinnvoll, wenn sich die Patientin in einer Akutsituation befindet,
die Gefahr eines Suizides besteht oder die Umgebungsfaktoren zu belastend sind. Der Vorteil eines Klinikaufenthaltes
ist meiner Meinung nach die Möglichkeit, sich vollkommen auf das Problem zu konzentrieren. Die Betroffene kann zur
Ruhe kommen. Darüber hinaus erhält sie in einer stationären Therapie beinahe rund um die Uhr Beobachtung, Fürsorge,
aber auch Kontrolle. Oft fällt es den Patientinnen allerdings nach dieser Art der Therapie schwer, sich wieder in
den normalen Alltag einzufinden. Deshalb sind Wiederholungsaufenthalte (im Sinne einer Aufbautherapie) heute zunehmend
obligatorisch, ebenso eine ambulante Nachbetreuung.
Mitunter kommt es bei der Behandlung von autodestruktivem Verhalten auch zum Einsatz von Medikamenten wie Antidepressiva,
Neuroleptika oder Antidissoziativa . Diese Mittel lindern lediglich die Symptome. Eine Psychotherapie kann damit nicht
ersetzt werden, da die Ursachen der Störung nicht bearbeitet werden.
In Ergänzung zu all den genannten Arten werden auch Körper- und Gestaltungstherapien eingesetzt. Letztere Therapieform
beschäftigt sich mit der künstlerischen Gestaltung der inneren Befindlichkeit. Gefühle werden kreativ ausgelebt und
erhalten durch verschiedene Mittel wie z.B. Malerei, Musik oder der Arbeit mit Gips und Ton eine bislang ungenutzte
Form. Die plastische Umsetzung von Emotionen, Ängsten und Phantasien macht diese fassbar und beschreibbar, sie erhalten
eine Gestalt. Im Anschluss der kreativen Arbeit werden die Ergebnisse natürlich besprochen- was hat die Patientin
währenddessen gefühlt, wie nimmt sie ihr Werk wahr, was löst es in ihr aus.
Die Körpertherapie soll das Körperempfinden und –erleben verbessern. Durch das Auflegen von Gewichten, das Umfahren
des Körpers, Massagen und Entspannungstechniken beispielsweise soll die Wahrnehmung und der pflegliche und fürsorgliche
Umgang mit dem Körper wieder hergestellt und geschult werden. Oft ist das Verhältnis sich selbstverletzender Frauen
zu ihrem Körper gestört, er wird als ein
Hassobjekt empfunden. In der Körpertherapie soll dieser wieder bewusst und gesund erlebt und gespürt werden. Auch die
Grenzen des Körpers werden hier neu bestimmt und definiert.
Die Traumazentrierte Therapie setzt sich mit gemachten Traumata der Vergangenheit ganz besonders intensiv auseinander.
Die Erlebnisse werden in geschützter Atmosphäre noch einmal durchlebt, um mit diesen abschließen zu können und sie
„aushaltbar“ zu machen. Diese Therapieform kann, wie jede andere übrigens auch, erheblich „triggern“, d.h. unter
Umständen eine neue Selbstverletzung auslösen.
Vielen Patientinnen hilft zusätzlich auch der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen. Sehr bekannt
sind hier die Borderline Anonymes (BA), die sich vor allem in Großstädten zusammen finden. In diesen Gruppen können
Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht werden. Weiterhin sieht die Betroffene, dass sie nicht allein mit ihrem
Krankheitsbild ist und es auch andere Frauen mit ähnlichen Problemen gibt. Vorteil dieser Selbsthilfe ist in meinen
Augen eben dieser Faktor, denn wer könnte Selbstverletzendes Verhalten besser verstehen als die Betroffenen selbst.
Im Übrigen macht es sicher auch Mut zu sehen, dass es auch Patientinnen gibt, die dem Teufelskreis entweichen konnten.
All die genannten Möglichkeiten der Therapierung sollten für die jeweilige Betroffene in einem speziell für sie
ausgerichteten, individuellen Therapieprogramm zusammengefasst werden. Nicht alle Therapieformen sind stimmig für
jede Patientin. So kann sich nicht jede betroffene junge Frau auf Entspannungsübungen einlassen. Wichtig bleibt,
dass sich die Patientin während der Behandlung gut fühlt. Ihr Wohlbefinden und ihr Heilungsprozess stehen im
Vordergrund einer jeden Therapie.
8.1.2 Die Dialektisch-Behaviorale Therapie als wichtigste Behandlungsformk
Im Jahre 1993 entwickelte Marsha Linehan ein speziell auf Borderline - Erkrankungen ausgerichtetes Therapiekonzept,
welches vor allem durch sein „stringentes und einfühlsames Vorgehen“ besticht. Die Dialektisch-Behaviorale Therapie
(DBT) orientiert sich an Verhaltenstherapien und wird i.d.R. nicht stationär angewendet.
Borderline - Störungen gehen oft einher mit Autoaggressionen, doch hat nicht jede sich selbst verletzende Frau auch
eine solche Persönlichkeitsstörung. Irrtümlicherweise werden selbstschädigende Handlungen häufig in Verbindung mit der
Erkrankung gebracht.
Borderliner denken oft in Widersprüchen und Schwarz-Weiß-Schemen . So sind sie beispielsweise auf der einen Seite sehr
sensibel, blenden jedoch andererseits jegliche Gefühlswahrnehmung aus. Für sie sind die Dinge immer absolut, entweder
gut oder schlecht, Zwischenstufen existieren nicht. Der dialektische Part der Therapie soll diese Paradoxien aufdecken
und einen relativen Standpunkt, einen Konsens finden.
Ebenso soll das Verhalten der Betroffenen verändert werden, selbstzerstörerische Handlungen sollen eingestellt werden.
Die Fertigkeiten hierfür werden in einer Gruppentherapie vermittelt und trainiert. Dies ist ein Baustein des Konzepts.
Weitere feste Bestandteile sind die Einzel- (Gesprächs-) Therapie, die Telefonberatung seitens des Therapeuten sowie
die Supervisionsgruppe, also die Kommunikation zwischen Therapeuten und Hilfspersonal untereinander zur
Therapieoptimierung.
Die DBT zeichnet sich aus durch ihre klare Struktur. Sie wird unterteilt in die Vorbereitungsphase und drei aufeinander
aufbauenden Therapiephasen. Zur Vorbereitung wird zunächst die Diagnose gestellt. Weiterhin werden der Patientin
Informationen über ihr Krankheitsbild sowie über die Grundzüge der Therapie geliefert. Das Ziel der individuellen
Behandlung wird formuliert, Telefonkontakte in Krisensituationen zugesichert und die Motivation geklärt, da
Borderline - Betroffene dazu neigen, Therapien abzubrechen – spätestens, wenn wachsende Erwartungen an sie gerichtet
werden.
Daraufhin setzt die erste Therapiephase ein. In dieser werden Problembereiche bearbeitet, die zu einer Beeinträchtigung
der Lebensqualität (u.a. Alkohol-, Tablettenmissbrauch; Essstörungen), Suizidialität oder Therapieabbruch
(Nichteinhalten von Terminen oder Vereinbarungen) führen. Des Weiteren sollen die innere Achtsamkeit
(die eigene Wahrnehmung im Hier und Jetzt), die Belastbarkeit und der Umgang mit Gefühlen verbessert werden.
Ist dieser Zustand erreicht, beginnt die zweite Phase, deren Augenmerk auf der Bewältigung traumatischer Erfahrungen
liegt. Typisch für Opfer traumatischer Erlebnisse sind „Flashbacks“, d.h. sie werden durch bestimmte Situationen
und Assoziationen an den traumatischen Moment erinnert und können die dadurch auftretenden Emotionen und Spannungen
nicht regulieren.
In der dritten Therapiephase gilt es, das Erlernte in den Alltag einzubauen und zur Anwendung zu bringen.
Die DBT ist „Hilfe zur Selbsthilfe“ . Durch das Führen eines Selbstbeobachtungsbogens , einer Art Gefühlstagebuch,
sollen problematische Emotionen den entsprechenden Auslösern zugeordnet und identifiziert werden. Ebenso hilfreich
ist eine Verhaltensanalyse . Warum handelt die Betroffene so? Was sind mögliche Lösungsansätze und
Präventionsmöglichkeiten? Welche Zusammenhänge bestehen mit dem Verhalten von Bezugspersonen, wie reagiert die
Patientin darauf? Welchen Gewinn hat sie vom Problemverhalten, sodass es bekräftigt wird?
Wichtig für jegliche Behandlung ist der Wunsch nach Veränderung bei der sich selbst Schaden zufügenden Frau, denn
ohne diese Motivation macht eine Therapie keinen Sinn. Weiterhin spielt die Akzeptanz der eigenen Person und der
individuellen Vergangenheit eine wichtige Rolle. „Eine Veränderung findet dann leichter statt, wenn Sie sich so
akzeptieren, wie Sie sind, nicht, wenn Sie versuchen zu werden, was Sie nicht sind.“
8.2 Arbeit mit familiären Bezugspersonen
Da die Ursachen für Selbstschädigungen fast immer im familiären Umfeld der Betroffenen liegen, ist es unerlässlich, Angehörige mit in die Therapie einzubeziehen. Zum einen dient dies den Eltern, so können sie die Störung ihres Kindes verstehen und den Umgang mit jener lernen. Zum anderen ist es enorm wichtig für die Patientin, Schwierigkeiten innerhalb der Familie aufzuarbeiten. Häufig werden in den Familien der Betroffenen Konflikte und Probleme jeglicher Art ausgeschwiegen anstatt sie zu klären. Mitunter kam es auch zu Gewaltanwendungen, Vernachlässigung und/ oder sexuellem Missbrauch. Die Angehörigenarbeit ist in solchen Fällen extrem schwierig, da die Eltern die genannten Geschehnisse verleugnen oder sich dieser schämen. Die Reaktionen der Eltern bzw. Familienangehörigen reichen von Wut, Ekel, Schande und Enttäuschung bis hin zu Hilflosigkeit, Angst und Panik. Wichtig für die sich selbst verletzende junge Frau ist in erster Linie die Liebe und die Unterstützung von Seiten der Mutter, des Vaters oder Geschwistern. Familiäre Bezugspersonen sollten versuchen, das Verhalten der Betroffenen nicht als verrückt zu deklarieren und die junge Frau mit ihren Problemen ernst zu nehmen. Sicher ist es im ersten Moment nicht leicht, Hilfe anzubieten und der Symptomatik tolerant entgegen zu treten, d.h. das Problem zu akzeptieren und verstehen zu wollen. Hierbei hilft der Therapeut, Familien- und Einzelgespräche mit den Angehörigen dienen als Stütze, um die Familiensituation zum Positiven zu verändern. Das Ziel solcher Sitzungen ist es, das gegenseitige Verständnis zu stärken. Dies bedeutet, dass die Familie versuchen sollte, Gefühle und Probleme offen und ruhig anzusprechen, sich gegenseitig keine Vorwürfe zu machen und weder die Betroffene noch deren Verwandte unter Druck zu setzen. Die Betroffene sollte also die Selbstverletzung nicht als Druckmittel oder Drohung einsetzen (z.B. „Wenn ihr dies nicht tut, dann werde ich mich ritzen...“). Gleichzeitig müssen aber auch Eltern Drohungen vermeiden und ihrem Kind zeigen, dass sie ihr beistehen und für sie da sind. Natürlich bedarf es Zeit um diese Verhaltensweisen anzuwenden und zu erproben, doch kann dies mit viel Willen, viel Geduld und therapeutischem Beistand durchaus funktionieren.
Viele Eltern tauschen ihre Erfahrungen und Erlebnisse auch in Selbsthilfegruppen mit Angehörigen anderer Betroffener aus. So erkennen sie auch, dass sie keineswegs alleine sind und es mehr Fälle gibt, als oft angenommen wird.
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