„Schmerz, der nicht spricht, bricht das Herz und macht es brechen.“(Shakespeare)
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Der Drang sich selbst zu spüren - Selbstverletzendes Verhalten bei jungen Frauen


9. Rezeptive und eigenkreative Auseinandersetzung mit dem Thema

Gestaltungstherapien - eine der vielen Möglichkeiten die Hintergründe der Selbstverletzung zu verarbeiten. Die Kunst befreit den Menschen teils von negativen Gefühlen und gibt Kraft. Einige Bilder, die mit therapeutischen Intentionen entstanden sind werden wir in diesem Punkt präsentieren. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Problematik soll einen Abschluss unserer Arbeit bilden, aber auch die Vorstellungskraft der Leser unterstützen.

Verschiedene Künstler und Autoren haben sich bereits mit autoaggressivem Verhalten beschäftigt. Wir möchten uns deshalb zum einen rezeptiv, zum anderen eigenkreativ mit der künstlerischen Darstellung des Themas befassen.

Am 07.10.2004 besuchten wir das Theaterstück „Ritzen“ in Rudolstadt. Dieses Werk ist „außergewöhnlich und deshalb auch relativ schwer zu spielen.“ Die Intention ist geprägt durch den Text von Walter Kohl, welcher sich auf die wahre Geschichte eines Mädchens namens Fritzi beruft. Eine weitere Buchquelle wurde durch Smith, Cox und Saradjan mit dem Werk „Damit ich den Schmerz nicht spüre“ gegeben.

Als wir im Theater Tumult ankamen, war der Raum erstaunlicher Weise vollbesetzt mit Schulklassen. Die Bühne war ein einfacher dunkler Raum ohne jegliche Ausschmückungen. In der Mitte war eine große Drehscheibe als Sitzfläche und Tisch angebracht, auf der ein Computer stand. An der Wand wurden die Eingaben in den Computer auf einer Art Leinwand eingeblendet. So konnte der Zuschauer dem genauen Verlauf folgen.

Fritzi stellt während der Aufführung ihre Lebensabschnitte auf der Homepage www.das-maedchen.de dar. Damit erarbeitet sie ihr Leben von Anfang an noch einmal. So entsteht ganz spontan innerhalb der Erzählung erst der Text und dann später die dazugehörige Überschrift. Dies ist die einzige Beschäftigung in der Neurologie, die sie zur Zeit nicht verlassen darf. Dabei schildert sie eine extreme Vorgeschichte, welche unserer Meinung nach sehr überzogen dargestellt ist. Hiernach ist Fritzi erst Opfer einer Vergewaltigung geworden und wurde dadurch auch mit HIV infiziert. Danach litt sie immer mehr unter der fehlenden Vertrauensperson, da nur noch die Mutter da war, zu welcher sie nie richtigen Bezug aufbauen konnte. Immer wieder sucht sie sich neue Anhaltspunkte, an denen sie sich festklammert um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Als Kind hatte sie z.B. viele Plüschtiere, die ihre Worte wiederholen konnten. Mit ihnen konnte sie reden, sie hörten zu, zu ihnen hatte sie Vertrauen. Ihre Hoffnung und neue Sicherheit baut Fritzi durch das Chatten mit Unbekannten wieder auf. Jedoch redet sie dabei von sich als hübsche junge Frau mit blonden Haaren, langen Beinen und braungebrannter Haut und versucht so, ein Ideal darzustellen, welchem sie nicht entspricht. Denn im Gegensatz dazu lernt man sie als Mädchen mit dunkelbraunen Haaren, blasser Haut und einer unscheinbaren Ausstrahlung kennen. Dieses Wunschdenken und Nichtakzeptieren der eigenen Person ist typisch für viele sich selbst verletzende junge Frauen. Auf Grund ihrer psychischen Labilität ist sie gefangen in einem kleinen dunklen Zimmer, mit nichts als einem Computer. Dieser Raum symbolisiert gleichzeitig die Gefühle, die sie zu einer Gefangenen ihrer selbst machen. Die Schnitte auf ihrem Arm und das Messer deuten klar auf die Selbstverletzung hin, von der sie schon seit Jahren nicht mehr loskommt. In keiner der E-Mails akzeptiert sie sich selbst mit ihren guten und schlechten Seiten, aber man kann als Zuschauer deutlich erkennen, dass sie auch sehr viele unerkannte Talente, wie z.B. Tanzen und Singen hat und natürlich große Fähigkeiten im Umgang mit Computern entwickelt. Sie kommt mit nichts in der Welt mehr klar. Immer mehr quält sie das Geschehen um sie herum. „Was bliebe ich ohne Liebe und allein? Warum wechseln die Personen bloß und bleibt alles gleich? Warum bin ich in mir Gefangene? Warum fühle ich nichts?“ Weiterhin kommt es dazu, dass sie objektiv gesehen in die falschen Kreise geraten ist und Fritzi von ihren vermeintlichen Freunden nicht loslassen kann. Immer wieder schreibt sie neue E-Mails und versucht sich damit aus der Welt der „Neuro“ gedanklich herauszureißen. Sie träumt von einer Reise mit ihrem Freund und der Zukunft, welche sie in Wahrheit jedoch nicht umsetzen kann. Jede der E-Mails endet mit dem Kürzel N.M.I. Später erfahren wir von der Darstellerin, dass es soviel bedeutet wie no message inside. Keine Nachricht vorhanden. Es gibt keine Veränderung im Leben, die etwas Neues bringen könnte. Sie kommt trotz der psychologischen Hilfe nicht aus dem Kreislauf der Autoaggression heraus. Immer wieder werden in ihrem Monolog Szenen gezeigt, in denen Fritzi ihr Messer ansetzt und einen Schnitt macht. Doch für sie ist die „Ritze […] das, wo ein Platz ist. Ritze ist das, wo man durchsieht. Ritze ist Platz, wo nach dem Bauplan gar kein Platz sein sollte. Geht am besten mit dem Stanley –Messer.

Wenn eine Ritze einschneidet, dann kann das Außen nach innen und das Innen nach außen. Es tut nicht weh. Spürst du nichts. Nein, stimmt nicht. Tut schon weh. Soll ja wehtun. Tut gut, wenn es weh tut. Kannst weinen, wenn es weh tut.“

Damit wurde die Autoaggression durch die Darstellerin Julia Wegehaupt sehr gut in Szene gesetzt. Jedoch möchten wir anmerken, dass es oft auch zu einem stark dramatisierten Handlungsablauf kam, welcher geballt die Formen der Selbstverletzung sowie die Ursachen und Auslöser auf eine Person zu projizieren versuchte. Damit entspricht dieses Stück nicht ganz der Realität. Darüber hinaus bemerkten wir in der an das Stück anschließenden Diskussion, dass der Wille zur Aufklärung über die Thematik zwar vorhanden, jedoch das Wissen und Verständnis nicht ausreichend war, um dies in die Tat umzusetzen. Trotz allem vermittelten sie uns nicht den Eindruck, Stereotypen zu beseitigen und dem Klischee entgegen zu wirken.

Auch die amerikanische Schriftstellerin Patricia McCormick griff in ihrem fiktiven Buch „Cut“ die Problematik selbstverletzenden Verhaltens auf, welche jedoch im Gegensatz zum Theaterstück „Ritzen“ die Authentizität bewahrte. Ihr Hauptcharakter Callie ist 17 Jahre alt und wird in der Therapieanstalt „Bergidyll“ auf Grund von Verhaltensauffälligkeiten (Ritzen) behandelt. Zu Beginn ihres Aufenthalts schweigt sie permanent, sowohl in den therapeutischen Sitzungen als auch gegenüber den anderen Mädchen auf der Station, welche unter Essstörungen und Drogenabhängigkeit leiden. Als eines Tages die ebenfalls autoaggressive Amanda in die Klinik eingeliefert wird, sieht sich Callie mit ihrer eigenen Krankheit konfrontiert. Die beiden sind zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Lernt man Callie als eher introvertierte, scheue junge Frau kennen, ist der Eindruck von Amanda gegenteilig. Sie trägt Springerstiefel, auffälliges Make-up und provoziert mit ihren Narben und dem offenen Umgang mit ihren Selbstverletzungen, welche sie als Körperschmuck bezeichnet. Amanda glaubt, ihr Verhalten im Griff zu haben. Auf die Frage, ob sie sich nach einer Selbstschädigung besser fühle, antwortet sie: „Na klar. Es ist absolut toll. Man fühlt sich auf einmal wunderbar, egal wie mies man vorher drauf war. Fast wie ein Trip. Als ob man plötzlich spürt, dass man lebt.“ (S.54) Weiterhin beschreibt Amanda, die Narbenbildung und den Schmerz durch Haarspray oder Alkohol zu intensivieren (vgl. S.155), was auch von uns im Kapitel 3.2 beschrieben wird.

Die Autorin schafft es, Autoaggressionen sehr einfühlsam, aber auch authentisch am Beispiel der jungen Callie darzustellen und dabei auf die Hintergründe, Formen, Charaktereigenschaften sowie verschiedene Aspekte einer Therapie einzugehen. McCormick projiziert typische Wesensmerkmale von so genannten Cutterinnen auf das betroffene Mädchen Callie, welches ihre Geschichte in der Ich-Erzählperspektive darlegt. Callie selbst sieht sich als verrückt (vgl. S.33). Dies wird ihr durch ihre Mutter, die das ritzen als peinlich empfindet, und die anderen Mitpatientinnen, die es als „eklig“ bezeichnen, bestätigt. Über dieses Gefühl der Ablehnung hinaus, gibt sich Callie an vielen Dingen die Schuld, so beispielsweise auch an dem schweren Asthma, unter welchem ihr acht- jähriger Bruder Sam leidet. Das Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein, lässt sie nicht los. Durch die Erkrankung ihres Bruders hat Callie gelernt, enorm rücksichtsvoll zu sein, um die schwierige Familiensituation nicht noch mehr durch Probleme ihrerseits zu verschlechtern. Aus diesem Grund lässt sie auch keine Tränen zu, sie will Stärke bewahren und darf nicht müde werden, da ihre Mutter bereits erschöpft sei und Callie sich folglich um alles kümmern müsse. Weiterhin erlebt sie die oft in Zusammenhang mit Selbstverletzungen beschriebene Derealisation. „Wieder hob sich der Raum in die Höhe, dann rutschte der Boden zur Seite und ich war plötzlich oben an der Decke und sah auf ein Theaterstück herab. Die Schauspielerin, die meine Mutter darstellte, redete immer noch, und diejenige, die mich selbst verkörperte, spielte mit einem Stück Faden.“ (S.28) Zunächst ist Callie nicht in der Lage, über all das zu sprechen und es in Worte zu fassen, doch als sie über eine selbst zugefügte Wunde derart erschrickt, dass sie sogar Hilfe bei der diensthabenden Schwester sucht, ändert sich ihre Motivation und sie beginnt, zu reden. In der Klinik „Bergidyll“ werden neben Einzelgesprächen auch die Gruppentherapie, Wutbewältigung und Entspannungstherapien angewendet. Nach dem langsamen Wiedererlernen der Kommunikation in der Einzeltherapie, findet Callie ihre Sprache bald gänzlich wieder. Die Sitzungen sind für das Mädchen sehr anstrengend und ermüdend, oft hat die junge Betroffene Flashbacks, doch mit Hilfe ihrer Therapeutin gelingt ihr langsam der Weg aus dem Teufelskreis der Selbstverletzungen. Die Behandelnde vermittelt Callie ein ruhiges und vertrautes Gefühl, was sehr wichtig für therapeutische Maßnahmen ist. Callie schafft es sogar, ihre Narben als einen Teil von sich anzuerkennen. Jede einzelne erzählt eine eigene Geschichte.

Das Buch veranschaulicht den langen und schwierigen Heilungsprozess verschiedener Störungen und klärt zumindest partiell über psychische Erkrankungen auf. Die Autorin zeigt, dass hinter jeder Betroffenen eine eigene Geschichte steht und dass die Mädchen, die davon betroffen sind, keineswegs verrückt sind. Die Geschichte von Callie kreiert eine Brücke zwischen Betroffenen und Außenstehenden und fördert, vorausgesetzt man lässt sich darauf ein, die Akzeptanz und Toleranz. Jeder kann in den Teufelskreis einer Selbstverletzung geraten, Dies sollte sich auch jeder bewusst machen. Die Übergänge zwischen Normalität und Erkrankung sind oft fließend.

Die Schriftstellerin regt zum Nachdenken an und verschont den Leser kaum. Ihre Ausführungen sind sehr realistisch und sie zeigen das Elend und den Schmerz, den all die Mädchen in der Anstalt „Bergidyll“ empfinden, aber auch , dass es einen Weg aus der Problematik gibt. McCormick verschleiert nicht, wie steinig und schwer dieser ist, doch er ist in jedem Fall machbar. Wichtig sind nur der Wille und der Mut zur Veränderung. Dies erkannte auch Callie und ist nun bereit, ihren Weg zu beschreiten.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Darstellungen von selbstverletzendem Verhalten sehr unterschiedlich sind. Natürlich gibt es nicht nur den literarisch – schauspielerischen Weg, sondern auch die Mittel der Malerei und Fotografie. Wir möchten im Folgenden aufzeigen, welche Ideen wir in diesem Zusammenhang hatten und weisen darauf hin, dass dies in therapeutischer, aber auch in rein künstlerischer Intention geschah. Auf nähere Erläuterungen der Bilder wird bewusst verzichtet, da wir Sie in Ihrer Meinungsbildung bzw. Interpretation nicht beeinflussen möchten.

Oft hilft es Betroffenen auch ihre Gedanken und Gefühle in Form eines Gedichtes wiederzugeben, sie so fassbar zu machen und damit einer Selbstverletzung vorzubeugen.








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Collage einer Betroffenen




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Photos entstanden am 08.02.2005




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„Schmerz“




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„Zwiespältig“




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Arbeit einer Betroffenen











Traurig sitzt sie da

von Schmerz und Trauer gezeichnet

Die Rasierklinge fest in der Hand

Sie wird sie befreien

für einen kurzen Moment

und ihr zeigen

dass sie noch lebt

Doch was ist dieses Leben wert?

Langsam

bahnt sie sich einen Weg durchs Fleisch

Tränen laufen

über ihr Gesicht

ihren Körper

kleine Rinnsale bildend

vereint ihr Blut den ganzen Schmerz

- wie eine Metapher –

spült ihn davon

und lässt sie

für den Bruchteil einer Sekunde

glücklich sein

Das Leben geht weiter

- offiziell und äußerlich –

innerlich hat sie aufgegeben

Ist gefangen im Kreislauf ihres Lebens

unendlicher Schmerz hat Besitz von ihr ergriffen

und lässt sie nicht gehen

weder in die eine

noch in die andere Welt

So lebt sie ihr Leben weiter

in Angst und Ungewissheit

vor der Zukunft

und

dem Ende

(19.12.2004)










Jeden Tag

sehe ich die Schandtaten

die ich mir selbst zufügte

Jeden Tag

werde ich daran erinnert

Und jeder Tag

birgt neue Gefahren

Es wieder zu tun

So einfach

der Griff zur Rasierklinge

So angenehm

das rote Blut – Leben

so unendlich befreiend

von

all den negativen Gefühlen

Hass

Trauer

Schmerz

Es tut so gut

Leben zu spüren

Mich selbst zu spüren

und kurzzeitig entspannt zu sein

kurzzeitig

bis

der Kreis sich weiter

dreht

Doch

werde ich ihn brechen

Hoffentlich

(24.09.2005)



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